Alexander Drößler

Media Entrepreneur

Nach vorne denken – US-Medien und deren Strategien: Politico

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SZ-Online Chef Stefan Plöchinger schrieb vor Kurzem acht Thesen zur Zukunft des Journalismus auf: Medien sollten ihre eigenen Qualitäten erkennen, eine eigene Vision entwickeln, eine eigene Multi-Marke bauen, Ideologien widerstehen, neue Strukturen für neue Chancen schaffen, Veränderung als Dauerzustand akzeptieren, Vordenker fördern sowie die Leser ernst nehmen. Während in Deutschland darüber diskutiert wird, gibt es in den USA Medienhäuser, die genau das praktizieren. Politico schon seit sieben Jahren.

Acht Thesen – Politico hatte sie schon 2006

Politico ist eines davon. Vor einigen Wochen habe ich mich dort umgeschaut und mit Bill Nichols, dem Editor-at-Large und früherem Managing Editor gesprochen. Nachdem die zwei Politik-Redakteure Jim VandeHei und John F. Harris von der Washington Post unzufrieden mit der Onlinestrategie der Zeitung waren, machten sie einfach ihr eigenes Ding. Im Herbst 2006 entstand so Politico als neues Multimediaangebot mit 50 Mitarbeitern. Heute sind es über 300. Die eigenen Qualitäten mit der Vision, Nachrichten in Echtzeit zu veröffentlichen, machten Politico zur Gründung 2006 einzigartig. Welches Medienhaus hatte zu dem Zeitpunkt schon das Prinzip “web comes first” auf dem Schirm? Mit Politikberichterstattung rund um den Capitol Hill hatten die beiden Journalisten ihre Nische gefunden – dennoch auf verschiedenen Plattformen. Gibt es neben dem Onlineangebot mit “The Politico” eine Tageszeitung, so verbreitet das Unternehmen seine News auch via Radio und TV. Egal auf welchem Weg, die zentrale Frage, die sich jeder Journalist dort stellt, lautet: “How is this story special, exclusive?” Leitsatz der Redaktion ist, Inhalte zu bieten, die der Leser nirgendwo sonst bekommen kann und die interessant sind: “If we can’t bring something special, we don’t reach the audience.” Die Reporter sind daher angehalten, immer darüber nachzudenken, “how we can monetize this.” Bill Nichols sieht sie als “franchisers”.

So viele Einnahmequellen wie möglich

Dass es nur mit Werbung und Paid Content schwierig sein kann, in Zukunft Geld zu verdienen, war bei Politico von Anfang an klar: “We need as many ways to monetize as we can.” Zwar nimmt das Unternehmen momentan noch knapp 50% des Umsatzes mit der Tageszeitung ein, doch die Tendenz ist sinkend. Daneben ist das wichtigste Standbein das Subscription-Model “Politico Pro”. Wer mehr als die Basics wissen will, muss zahlen. Ansonsten gilt vor allem mobil: “People don’t want a 10.000 word piece – they want just the important news.” Politico holt inzwischen gut die Hälfte seines Traffics durch Aufrufe von Smartphones und Tablets. Die App ist übrigens kostenlos, da sie zunächst die kostenlos verfügbaren Inhalte der Website aggregiert. “Politico Pro” bedeutet auch, weitere Nischen zu besetzen. Mit Ablegern zu Themen wie Health Care, Energy, Trade, Financial Services oder Agriculture macht das Unternehmen sein Geld. In jedem dieser Bereiche gibt es eine genaue Zielgruppe, die bereit ist, für die Inhalte zu bezahlen. Zudem geht in Kürze ein Magazin an den Start, um auch “long-form journalism” im Portfolio zu haben. Weitere Einnahmequellen sind Events, die rund 10-15% des Umsatzes ausmachen oder versponsorte morgendliche Newsletter, die vor Allem Mitarbeiter des Congress beziehen würden.

Ständig auf der Suche nach neuen Einnahmequellen

Derzeit sind die rund 60% der Leser in Washington DC zu finden, weniger, als zunächst angenommen. So sind es nicht nur Politiker und Regierungsmitglieder, sondern auch Leute, die mit Regierungsthemen zu tun haben und in den verschiedensten Berufsfeldern und an den verschiedensten Orten inner- und außerhalb der USA zu finden sind. 10% des Publikums machen Seitenaufrufe außerhalb der USA aus. Stillstand gibt es bei Politico nicht. Anstatt sich nur auf die Berichterstattung am Capitol Hill zu konzentrieren, hat das Unternehmen New York City als neuen Markt für sich entdeckt. Nicht zuletzt wegen den U.N.
Beeindruckend wirkte auf mich die Grundhaltung bei Politico. Den Pessimismus, den ich bei deutschen Verlegern häufig zu sehen meine, gibt es dort nicht. Stattdessen überlegten sich die Redakteure von Beginn an, wie sie die Gratiskultur im Internet verändern können und wie sich mit den verschiedensten Wegen Geld verdienen lässt. Denn Journalismus ist jetzt vielleicht spannender als nie zuvor: “Don’t believe journalism has its best times behind!”

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Das war Teil 1 meines Washington-Reiseberichts. In den nächsten Tagen folgen noch Berichte der Redaktionsbesuche bei der Washington Post, Politifact, CNN, Bloomberg und McClatchy/Hearst.

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