Alexander Drößler

Media Entrepreneur

Der mit dem Zug fährt

Hinterlasse einen Kommentar

Amerika mit dem Zug erleben: Nach meinem Studium in Missouri bin ich mit dem Empire Builder auf Pionierspuren von Chicago über Glacier, Montana, bis nach Seattle. Nach einem Tag dort geht es mit dem Coast Starlight die Pazifikküste herunter bis nach San Francisco.

Vor mir liegt die wohl verrückteste Reise, die ich bisher in meinem Leben gemacht habe. Insgesamt liegen bis San Francisco mehr als 2800 Meilen Zugstrecke vor mir. Ich bin in der Union Station von Chicago. Dort läuft es ab wie am Flughafen. Das Gepäck wird eingecheckt, es darf kein Gramm mehr als 23 kg wiegen. Mein Koffer bringt 23,6 kg auf die Waage, ich muss etwas heraus nehmen. Bepackt mit Rucksack, Laptoptasche und einer Plastiktüte voll Snacks warte ich nun und beobachte meine Mitreisenden. Im Hintergrund läuft ein Video mit Sicherheitsanweisungen in Dauerschleife. Der Wartebereich des Bahnhofs ähnelt dem eines Flughafens, alles hat hier seine Ordnung. Eineinhalbstunden später beginnt das Boarding und ich stehe von dem größten Passagierzug, den ich bisher gesehen habe. Ich solle zu Eingang sechs gehen, bekomme ich gesagt. Wie gesagt, alles hat seine Ordnung. Dort angekommen muss ich warten, bis einige ältere Herrschaften mit Rollator den Zug bestiegen haben. Ich gehe nach oben, wo ich die freie Auswahl habe. Mit Zügen der Deutschen Bahn ist das Abteil des Empire Builders kaum zu vergleichen. Amtraks wohl berühmtester Zug bietet breite und bequeme Sitze mit einer unfassbaren Beinfreiheit. Ich muss meine Beine schon richtig ausstrecken, um den Vordersitz zu berühren. Ich entscheide mich für eine Sitzreihe auf der rechten Seite. Dort hoffe ich, mehr zu sehen. Die Bergketten türmen sich schließlich im Norden auf, denke ich. Das Großraumabteil füllt sich. Im vorderen Bereich sitzen Paare und Gruppenreisende, hinten Alleinreisende. Natürlich, der Ordnung wegen. Soll wohl dann später mit dem Platzzuweisen einfacher sein. Ich freue mich, dass ich meine Sitzreihe zunächst für mich allein habe. Der Zug setzt sich in Bewegung. Mindestens 30 Stunden bin ich drin, bis ich im Glacier National Park in Montana aussteige. Hinter mir höre ich vereinzelt deutsche Wortfetzen. Eine Großfamilie Amish People sitzt hinter mir. In einem Gemisch aus Englisch und altertümlichen Deutsch unterhalten sie sich. Eine Mitreisende fragt, wo sie hinwollen: Nach La Crosse, Wisconsin, zu einer Hochzeit. Sie wären schon einen Tag unterwegs gewesen, von Pennsylvania würde es eine Weile dauern. Andere Fahrgäste machen sich über ihr Outfit lustig. Alle tragen Dunkelblau oder Dunkelgrün. Die Männer Hemd, Hose und Reisehut, die Frauen ein altertümliches Kleid, das bis oben hin zugeknöpft ist. Dazu eine Kopfhaube die sie wie Nonnen aussehen lässt. Sie haben ein Baby dabei, na das kann ja heiter werden, denke ich. Es sollte sich aber herausstellen, dass das Baby äußerst ruhig und diszipliniert ist. Ich empfinde Respekt dafür, dass die Amish sich wenig anpassen und weiterhin nach ihren Traditionen leben. Zumindest fahren sie Zug. Die Zugbegleiterin checkt die Tickets. Jeder Fahrgast bekommt einen Zettel mit seinem Reiseziel über den Sitz gepinnt. GPK steht auf meinem. Es muss ja alles ordentlich sein. Die Zugbegleiterin sagt mir noch, wie schön es gerade da oben in Montana sei und wünscht mir viel Spaß.

2014-05-20 16.20.48

Der Weg ist das Ziel

Nach ein paar Stunden, irgendwo in Wisconsin hinter Montana steigt Jeremy ein und setzt sich neben mich. Er hat gerade sein erstes Studienjahr in Madison, Wisconsin hinter sich gebracht und vertreibt sich und mir die Zeit mit etwas Smalltalk über den American Way of Life. Zwischendurch kommt eine andere Zugbegleiterin um Reservierungen für das Abendessen entgegen zu nehmen. Ohne geht nichts. Im Speisewagen komme ich mir vor wie bei einem Blinddate. Zunächst werde ich angeraunzt, dass ich doch noch gar nicht aufgerufen worden sei, mein Essenstermin sei doch erst in 5 Minuten. Ich darf mich trotzdem schon setzen. Die Aufrufe sind im Abteil auch nicht zu hören gewesen, das ging nicht nur mir so. Ich bekomme eine Dame mittleren Alters gegenüber gesetzt. „Where are you from?“ „Germany, but I’ve been studying in Missouri.“ „Oh, ich komme aus Essen. Aber lass uns Englisch reden, ist einfacher für mich“, sagt sie. So kann’s gehen. Sie wohnt schon lange in Nashville, Tennessee und macht jetzt eine Reise nach Seattle. Fragt mich, ob ich ein Buch schon gelesen hätte, es sei ähnlich geschrieben wie Thomas Manns werke. Oh nein, ich habe jetzt wenig Lust auf hochintellektuelle Literaturkritik. Dazu bin ich zu müde. Die Nacht in Chicago konnte ich auf dem Sofa bei einem anderen Fulbrighter doch nicht gut schlafen. Mittlerweile sind zwei weitere Frauen an meinen Tisch gesetzt worden. Wir unterhalten uns über dies und das. Alltägliche Probleme, Zukunft der Medien, Kinder und Enkelkinder. Okay, da kann ich nicht mitreden. Ich bestelle lieber was zu Essen. Das ist zwar frischgekocht, stellt sich aber dennoch als überteuert heraus. Wenigstens kann man aus dem Speisewagen den Sonnenuntergang am Mississippi beobachten. Wir begleiten den Fluss etwa eine halbe Stunde lang. Zurück an meinem Platz unterhalte ich mich wieder mit Jeremy, das ist doch etwas angenehmer als mit Frauen Mitte 40. Irgendwann erreichen wir Minneapolis, mit etwa zwei Stunden Verspätung. Jeremy steigt aus. Er besucht Verwandte bevor er nach Hause nach Kalifornien fliegt. Die Verspätung ist völlig normal bei Amtrak, vor Allem bei dieser Strecke. Die Schienen gehören verschiedenen Bahnunternehmen, die lieber Frachtzüge darauf fahren lassen. Das bringt schließlich mehr Geld. So tuckeln wir mal mit 40 und mal mit 80 Meilen die Stunde vor uns hin, manchmal müssen wir anhalten. Das ist den meisten Reisenden und mir aber ziemlich egal. Keiner aus meinem Wagen beschwert sich oder fragt nach. In diesem Zug ist der Weg das Ziel. Jeremy sagte, er liebe das Grüne draußen.

2014-05-21 11.40.27

Froh, dabei zu sein

Die Nacht bricht herein. Ich versuche in verschiedensten Positionen auf meinen zwei Sitzen zu schlafen. Zum Glück gibt es ein Hochklappding für die Beine. Jetzt habe ich einen Riesensitz als Bett. Schlafen klappt sogar ganz gut, ich wache nur zweimal auf. Einmal wegen eines Albtraums: Ein Tornado hat den Zug getroffen und gestoppt. Ich wache von der Zugansage auf. Glücklicherweise haben wir schönes Wetter, es sind keine Tornados in der Nähe. Das hätte auch noch gefehlt. Es ist Morgengrauen und wir sind in Fargo, North Dakota. Aus dem Fenster sehe ich nur Grasland um mich herum. Ich beschließe, doch noch einmal einzuschlafen. Das Grasland ist auch drei Stunden später noch da. Der Zug muss einen Umweg fahren, weil BNSF, das Bahnunternehmen dem die Schienen gehören, gerade neue verlegt. Die Strecke ist eingleisig. Die Landschaft sieht aus wie bei „Der mit dem Wolf tanzt“. Wann kommt endlich Kevin Costner angeritten? Leider gar nicht. Stattdessen tauchen immer mal wieder Ölförderanlangen auf. Aus North Dakota kommt ein beträchtlicher Anteil des amerikanischen Öls. Die triste Gegend bietet den Amerikanern also doch etwas. Seit Minneapolis gibt es übrigens so gut wie keine Anzeichen von Zivilisation. Die Bahnhöfe die der Zug etwa alle zwei Stunden anfährt sind winzig, genauso wie die Ortschaften drum herum. Das soll wohl bis Seattle so bleiben. Der Zug trötet trotzdem fast ununterbrochen um sich anzukündigen. Fragt sich nur wem, den Tieren etwa? Verschiedenste Vögel und Rinder sehe ich ununterbrochen. Einmal taucht ein Fuchs in meinem Blickfeld auf, der den Zug an sich vorbeifahren sieht. Hin und wieder tauchen verlassene Häuser auf. Autoreste sind auch dabei. Den Leuten wurde es wohl zu öde hier. Ich habe trotzdem gute Laune. Die Sportfreunde Stiller laufen auf meinem iPhone. Dann Philipp Poisel. Er ist „froh, dabei zu sein.“ Das bin ich auch. Ich verstehe nun besser, was der amerikanische Freiheitsbegriff bedeutet. Die Weiten des Landes sind für einen Deutschen wie mich schwer zu begreifen. Am nächsten Bahnhof machen wir eine halbe Stunde Pause. Die beiden Loks müssen aufgetankt werden. Ich kann rausgehen und mir nach der stundenlangen Fahrt das erste Mal die Beine vertreten. Die Zugbegleiterin sagt, mir dass wir etwa zweieinhalb Stunden Verspätung haben. Der Zug würde jetzt aber wohl Verspätung aufholen können. Das wäre gut, denn ich soll und möchte vor Mitternacht in Glacier ankommen. Planmäßig wäre 20:15 Uhr. Das Hotel schrieb mir, ich solle anrufen wenn es nach Mitternacht werden würde. Handyempfang habe ich aber schon seit Milwaukee nicht mehr. Internet gibt es im Zug auch nicht. Mein Handy kann ich nur als Kompass nutzen, die Karte wurde praktischerweise schon vorher geladen. Draußen ist es wärmer als ich dachte. Das Land sieht so aus, als erwache es gerade erst aus einem langen Winter. Kein Wunder, wir sind nach Nordwesten gefahren und befinden uns jetzt nicht weit entfernt von der kanadischen Grenze. In Missouri ist es schon viel grüner. Der Zug fährt weiter. Mittlerweile haben wir Montana erreicht und damit die Mountain Time Zone. Das heißt, ich kann meine Uhr eine Stunde zurück stellen. Es wird hügeliger, aber nur ganz leicht. Ich schaue aus dem Fenster und warte auf Büffel. Irgendwo hier soll ein Wildreservat sein. Häuptling Sitting Bull hat hier im 19. Jahrhundert auch gelebt, steht im Streckenbegleitflyer.

2014-05-21 21.09.55

Glacier: Wilde Wälder und Wasserfälle

Nach gut 36 Stunden Zugfahrt bin ich in East Glacier angekommen. Wie ich den Glacier National Park fand und was ich auf dem Weg nach San Francisco erlebt habe kannst du bald hier lesen!

2014-05-21 19.17.49

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s