Alexander Drößler

Media Entrepreneur

Warum Regionalzeitungen harte Zeiten bevorstehen

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Heute morgen im Bett habe ich wie jeden Tag meine Regionalzeitung gelesen und mich darüber informiert, was so in der Welt los ist. Ach nee, ist ja Sonntag. Da gibt es gar keine Zeitung. Ach nee, und selbst wenn, ich habe ja auch gar keine abonniert. Wie jeden Tag habe ich natürlich auch heute morgen mein Smartphone gegriffen, bin durch Twitter und Facebook gescrollt und habe hier und da auf einen Artikel geklickt. Durch die digitale Filterbubble kommt mein erster Nachrichtenschwall des Tages.

E-Paper sind Oldschool

Gut, es ist vielleicht nicht so super, ausschließlich darauf zu vertrauen, was die Algorithmen von Facebook und Twitter so als wichtig erachten. Darum checke ich meist auch noch eine oder zwei Apps meines Vertrauens und schaue bei den Internetseiten der Regionalzeitungen vorbei, die mich interessieren. Apps haben die leider nicht, also zumindest keine Apps, die ich als eigenständiges Produkt durchgehen lassen würde. Es gibt höchstens E-Paper-Apps. Ein E-Paper hat mich auch dazu gebracht, jetzt hier diesen Blogeintrag zu schreiben. Zu viel geht mir durch den Kopf, seitdem ich wieder aus den USA nach Deutschland gekommen bin, zu viel Begeisterung über neue innovative journalistische Produkte, die in den letzten Wochen ein jähes Ende fand. Denn auf der Internetseite einer Lokalzeitung stand: In eigener Sache – ePaper am Sonntag kostenlos freigeschaltet.

E-Paper? Habt ihr schon mal versucht, ein E-Paper auf dem Smartphone zu lesen? Selbst auf dem Computerbildschirm ist das schon eine Zumutung. Kann es wirklich sein, dass denen nicht mehr einfällt? Wo ist es, das tolle digitale Produkt, das wirklich etwas neues ist, und nicht der Versuch, eine Tageszeitung 1:1 in ein kleines Handy zu pressen? Wo ist das Produkt, das auf die heutigen Mediennutzungsgewohnheiten eingeht und nicht so altbacken daher kommt, wie eine Tageszeitung die sich seit Jahrzehnten kaum verändert hat? In den Regionen die mich interessieren gibt es das leider nicht.

Zeitungen sollten sich auf ihre Kernkompetenz konzentrieren

Warum eigentlich nicht? In den letzten Monaten habe ich mich mit den Machern zweier Regionalzeitungen getroffen. Eine App zum Beispiel würde sich nicht lohnen, sagte mir die Online-Projektmanagerin der ersten Zeitung. Wenn ich mir aktuelle Studien anschaue, habe ich eher das Gefühl, dass sich Regionalzeitungen in ihrer derzeitigen Form bald nicht mehr lohnen werden. Zum einen weil sie inhaltlich nicht mehr gut genug sind und ich das Gefühl habe, dass viele (alte) Menschen sie lediglich aus Gewohnheit noch abonniert haben. Zum anderen weil das Produkt „Aktuelle Tageszeitung“ einfach ausgedient hat. Es ist unpraktisch, einen mindestens einen Meter breiten Papierwust vor sich ausbreiten zu müssen, der die Nachrichten von gestern enthält. Da hätte ich morgens auch gar keine Zeit oder noch eher keine Lust zu. Eher aufzustehen um Zeitung zu lesen ist nicht so mein Ding. Und in der Bahn auf dem Weg zur Uni kann man gleich vergessen eine Zeitung zu lesen. Doch es ist noch etwas anderes, was die Tageszeitung in ihrer derzeitigen Form nicht gerade zukunftsfähig macht: Sie ist wie ein Gemischtwarenladen. Medienberater Thomas Baekdal hat das wie folgt beschrieben:

„They are based on a business model that only makes sense to a mass-market, but not to the individual. This is not a winning strategy. Yes, it used to work in the old days of media, but that was as a result of scarcity.“

Er vergleicht Zeitungen mit Einkaufsläden. Die Tageszeitung sei in dem Fall ein Laden wie Walmart, der von vielem etwas hat und am leichtesten zu erreichen ist. Früher war die Tageszeitung neben der Tagesschau wohl das Hauptinformationsmedium. Sie hatte alles, lokal, national, international. Heute kann man Nachrichten verschiedener Quellen völlig einfach konsumieren. Quellen, die spezialisiert auf eine bestimmte Nische sind. Ich lese Vox.com, wenn ich große Themen gut erklärt bekommen möchte, BuzzFeed, wenn ich unterhalten werden möchte, Kompakt, wenn ich einen Überblick bekommen möchte. Warum ich Kompakt liebe, erkläre ich gleich noch. Ein regionales Medium möchte ich lesen, wenn ich regionale Infos möchte. Aber nicht in der Zeitung. Geht mit meiner Heimatregion auch schlecht, da ich mittlerweile in Hamburg wohne. Doch zurück zum Einkaufsladenbeispiel. Baekdal spricht davon, dass jeder Artikel dort kaum Wert habe, doch als Ganzes es immer einen gewissen Prozentsatz des Angebots gebe, der interessant sei. Er schlussfolgert, dass Menschen keine große Verbindung zu derartigen Supermärkten hätten. Sie seien schlichtweg nicht begeisternd. Das hingegen sind laut Baekdal Unternehmen wie Apple, Nike oder Starbucks. Deren Unterschied zu Walmart: Sie bedienen eine Nische. Offline ist es schwer, verschiedene Marken abzuklappern, darum ist ein Supermarkt meist praktischer. Online ist das alles aber nur einen Klick weit entfernt. Deshalb setzt sich da die Qualität der Nische durch. Das bessere Nischenprodukt ist genauso leicht zu erreichen wie der Supermarkt, nämlich durch Links und Social Media.

„Social Media ist Kinderkram und hat nichts mit Journalismus zu tun“

Social Media sei allerdings Kinderkram, ein neumodischer Trend den keiner brauche. Das habe nichts mit Journalismus zu tun. Das sagte mir der Chefredakteur der zweiten Zeitung. Die gedruckte Zeitung sei schließlich so richtig nah dran am Leser. Auf der Internetseite werde daher bewusst reduziert und nicht alles kostenlos online gestellt. Stattdessen werde ich bei einigen Artikeln darauf hingewiesen, dass ich „mehr“, ja „in der morgigen Ausgabe“ meiner Regionalzeitung lesen könne. Läuft denn ernsthaft jemand am nächsten Tag zum Kiosk, weil ihn jetzt gerade in diesem Moment ein Thema interessiert? In der Welt dieses Chefredakteurs schon: „Wenn das Thema gut ist und gut geschrieben, dann kaufen die Leute das. Sowas lesen sie bis zum Ende.“ Gegenfrage: „Woher wissen Sie das?“ Antwort: „Ähm ja, das glaube ich.“ Davon, dass Social Media und damit einfachere Partizipationsmöglichkeiten Journalismus zudem bereichern können, konnte ich ihn leider auch nicht überzeugen. (Wie das geht, habe ich hier beschrieben.) Stattdessen bekam ich die Frage gestellt, ob es nicht ein Armutszeugnis sei, wenn die Süddeutsche nun ihre Leser fragt, worüber sie berichten soll. Der Journalist müsse das doch schließlich wissen.

Ich will nicht sagen, dass sich gar nichts bei regionalen Zeitungsverlagen tut. Die erste Zeitung bastelt gerade an einer neuen Internetseite und möchte auch die gedruckte Zeitung inhaltlich verändern. Ich bin gespannt, wie das aussehen wird. Deren Online-Projektmanagerin berichtete mir jedoch von der Schwierigkeit, die Redaktion dafür zu begeistern. Es gebe nun einmal die altgedienten Printredakteure und die jungen Onliner. Die Herausforderungen liegen also vor allem im Change Management. Doch der Fisch stinkt vom Kopf, wie man am Beispiel der anderen Zeitung sehen kann. Ein weiteres Beispiel dafür ist die gerade in Köln neu gestartete Zeitung XTRA. Ich musste es zweimal lesen, aber ja, es startet tatsächlich noch jemand eine Tageszeitung, um „Menschen zwischen 19 und 39 Jahren“ zu erreichen. Es ist nicht schwer, herauszufinden wie diese Zielgruppe ihre Nachrichten konsumiert. Mit einer Zeitung, in der das Internet ausegdruckt ist, jedenfalls nicht. Wenn sie dann auch noch schlecht gemacht ist, erst recht nicht. Da hätte DuMont Schauberg das Geld besser zum Fenster herauswerfen können. Dann hätten es vielleicht noch Obdachlose aufgesammelt. Doch immerhin. DuMont Schauberg experimentiert wenigstens.

Scoopcamp: Amerikanischer Optimismus vs. deutscher Pessimismus

Die Offline-Denke diverser Medienmacher zeigt sich auch auf tollen Veranstaltungen wie beispielsweise dem Hamburger Scoopcamp. Dort hatten amerikanische Medienmacher gezeigt, wo die Reise hingeht. Storify-Gründer Burt Herman beschrieb, wie er mit Storify den Journalismus wieder so sexy wie Facebook machen wollte. Seine fünf Schlüsselpunkte für Medienmacher:

  1. Open Source – open sourcing journalism
  2. Social Media – telling stories by&for small communities
  3. Data – find the stories in the vast amount of data
  4. Personalization – local news, and news personalized for one individual person
  5. New Devices – responsive thinking is just an intermediate step. When & where does someone need the info?

Jigar Mehta (AJ+) und Ken Schwencke (NYTimes) gaben in ihren Vorträgen ähnliche Impulse. Doch in den Diskussionsrunden ist mir ein Unterschied aufgefallen, den ich schon während meiner Zeit in den USA ausgemacht hatte: Die Amerikaner gehen mit Experimentierfreude und Optimismus ran, in Deutschland herrschen hingegen Pessimismus und Einwände, warum etwas nicht funktionieren könne oder weshalb man es nicht brauche. Ist das ein Kulturproblem?

Wie man ein tolles Produkt machen kann

Es ist natürlich auch nicht alles schlecht. Zapp hat gerade gezeigt, dass es auch Wege gibt, eine tolle Zeitung zu machen. In Norwegen gibt es Lokalzeitungen, die dreimal wöchtentlich erscheinen und magazinig gemacht sind. Es mache mehr Sinn, drei Mal in der Woche eine richtig tolle Zeitung zu machen, als sechsmal wöchentlich eine schlechte, so ein norwegischer Chefredakteur in dem Beitrag:

Auch in Deutschland tut sich immerhin etwas. Die Stuttgarter Zeitung hat kürzlich die App S-Vibe gestartet, die einen personalisierbaren Nachrichtenstream bietet und keine Ressorts hat. Einziger Kritikpunkt: Sie bedient sich an den Inhalten der Homepage, die kein spezielles Storytelling für Mobilgeräte haben. Das hingegen hat Kompakt, die neue App von Axel Springer. Die App finde ich derzeit am gelungensten.

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