Alexander Drößler

Media Entrepreneur

Eine neue Plattform für digitalen Lokaljournalismus

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Die Medienbranche ist in digitaler Aufbruchstimmung. Mit einigen Jahren Verspätung wird fleißig experimentiert in deutschen Redaktionen. Die einen entdecken die junge Zielgruppe für sich und gründen virale Ableger, andere holen sich Teams für Datenjournalismus oder Storytelling ins Haus und warten mit aufwändigen multimedialen Projekten auf.

Beides ist erfolgversprechend: Mit Angeboten wie bento oder ze.tt lässt sich schnelles Geld verdienen, ohne den dafür typischen journalistischen Stil („Wie Pandababys den Frühjahrsputz boykottieren“) zu nah an die Kernmarke zu rücken. Spezialisten wie das Interaktiv-Team der Berliner Morgenpost sorgen mit ihren neuen Wegen im Storytelling für bundesweite Aufmerksamkeit. Das tut gut.

Nicht nur mit eigenen Angeboten experimentieren deutsche Medienhäuser, sondern auch mit der Verfügbarkeit ihrer Inhalte auf externen Plattformen. Der neueste die Branche beschäftigende Trend ist ein kleiner Geist namens Snapchat. Diese Entwicklung kommt einer Zäsur gleich. Medienmarken müssen mit ihren Inhalten dorthin, wo sich das Publikum befindet. Der Gedanke, Leser würden schon von alleine auf die Internetseite klicken oder gar zum Kiosk gehen, wirkt nicht erst seit Kurzem antiquiert.

Verlage werden zu Publishern für Social-Media-Plattformen

Plattformen wie Snapchat oder Facebook bedeuten noch viel mehr: Sie zwingen Medienschaffende dazu, ihre Inhalte an die Gegebenheiten des Netzwerks anzupassen. Player wie Facebook, Snapchat oder Google geben innovative Darstellungsformen vor, in dem sie die Infrastruktur für 360-Grad-Videos, Instant Articles oder sich selbst löschende Bilder vorgeben oder mit Bots und künstlicher Intelligenz experimentieren.

Das bietet Raum für neue Contentanbieter – zum Beispiel NowThis, ein Publisher ohne eigene Webseite, der kurze Newsvideos auf Social-Media-Plattformen anbietet und damit in erster Linie mobile Nutzer anspricht. Homeless Media hat der AP-Stratege Francesco Marconi diese Entwicklung genannt. Er fragt sich, ob es sich durch den wachsenden Medienkonsum auf Drittanbieterplattformen für Medienunternehmen noch lohnt, Geld und Personal in eigene Webseiten und Apps zu stecken.

Diese wachsende Abhängigkeit von Drittanbietern, vor allem von Facebook, ist kein schleichender Prozess mehr. Sie geben nun die Rahmenbedingungen vor und machen Medienmarken zu beliebigen Publishern. Emily Bell vom Tow Center for Digital Journalism an der Columbia Journalism School warnt: „Facebook frisst die Welt.” Verlage würden die Kontrolle abgeben, über die Beziehungen zum Leser, Werbeeinnahmen sowie den Weg, auf dem Inhalte zu Lesern finden würden.

Medienhäuser müssen sich fragen, ob sie vollends zum Content-Produzenten für amerikanische Plattformen und damit abhängig von deren Entwicklung werden möchten. Wollen sie das nicht, erfordert das ein neues Verständnis der eigenen Existenzberechtigung. Sie müssen sich mehr als Technologiekonzern begreifen, Journalisten müssen enger mit Programmierern zusammenarbeiten. Ein Rat, der sich in zahllosen Beiträgen zur Zukunft des Journalismus wiederfindet.

Vielleicht müssen wir noch weiterdenken. Vielleicht müssen uns noch stärker mit der Frage auseinandersetzen, was Digitalisierung wirklich meint, welche Möglichkeiten und Herausforderungen sie zu den bereits genannten bietet. Wie können wir sie für uns nutzen? Das Eine ist die Entkoppelung der Inhalte – das Andere sind die individuellen Austauschmöglichkeiten. Massenmedien gibt es nicht mehr.

Wir wollen die Plattform für lokalen Austausch aufbauen

Die Lokalzeitung begriff sich einmal als das Forum der Stadt. Bei einem Blick in die Kommentarspalten diverser Onlinenachrichtenseiten wird deutlich, dass es uns Medienschaffenden nicht gelungen ist, dieses Forum zufriedenstellend in den digitalen Raum zu transportieren. Die Menschen tauschen sich dennoch aus – in sozialen Medien, allen voran Facebook. Eine Plattform, die die Welt vernetzen möchte und auf der gerade der Lokaljournalismus höchstens ein wenig mitspielen darf.

Warum bauen wir uns nicht einfach selbst die Plattform? In Deutschland ist die Lücke dafür noch da. Ein Facebook für das Lokale, wie das amerikanische Nextdoor, gibt es hier noch nicht. Stellen wir uns vor, es gebe ein lokales Netzwerk, in dem Menschen die Möglichkeit haben, das auszutauschen, was sie wissen. In dem Vereine über ihre neuesten Aktivitäten berichten, kritische Bürger Fragen aufwerfen, öffentliche Stellen wie Polizei, Feuerwehr, Städte und Gemeinden direkt mit ihren Bürgern kommunizieren können, ohne dass ein Mittler gebraucht wird – wie vor der Digitalisierung die Tageszeitung.

Ein Netzwerk, in dem Journalismus da einsetzt, wo der freie Austausch ungeprüfter Informationen nicht ausreicht. Journalismus, der an den Informationsbedürfnissen seines Publikums andockt, die Journalisten im Netzwerk identifizieren können. Denn offenbar lässt sich digital kein Produkt verkaufen, in dem frei verfügbare Informationen gebündelt werden.

Jeff Jarvis rät dazu, genauer über die Aufgaben von Journalisten nachzudenken. Ist es unsere Aufgabe, ein Produkt namens „Content“ zu produzieren? Jarvis sagt, diese Vorstellung motiviere uns, um dieses Produkt herum Paywalls aufzubauen und dafür Geld zu verlangen – schließlich habe man schon immer dafür bezahlt. In diesem Prozess würden sich  Journalisten gern vom Publikum isolieren, in dem sie ihren Artikel schreiben und dann weiter zum nächsten Thema gehen. Ich glaube, er hat recht.

Social Journalism
Einerseits besitzen wir Journalisten gar keine Hoheit mehr über den Content – andererseits bietet die Zusammenarbeit mit dem Publikum Potential für einen besseren Journalismus. Einen Journalismus, der das Wissen einer Community durch Fragen ergänzt, die noch nicht gestellt und beantwortet wurden, der Fachwissen und Vertrauenswürdigkeit mit in die Diskussion einbringt, der Fakten prüft und Gerüchte entlarvt. Ein serviceorientierter Journalismus, der Nachrichten als Gespräch begreift – lokal, sozial, digital. Denn guter Journalismus kann nicht mit bloß mit dem Grad der Aufmerksamkeit gemessen werden. Erfolg im Lokalen haben diejenigen, die nachhaltige Beziehungen zu ihren Nutzern aufbauen.

Das Medienhaus Neue Westfälische und das Startup Lokalportal

Daran arbeiten wir im Medienhaus Neue Westfälische in Ostwestfalen und haben uns dafür Verstärkung geholt. Seit April ist die Neue Westfälische am digitalen Nachbarschaftsnetzwerk Lokalportal beteiligt. Gemeinsam arbeiten wir an der Vision, das Leben vor Ort besser zu machen. Wir glauben, dass Lokalportal die Chance hat, die Plattform für lokalen Austausch zu werden. Ein digitales Nachrichtenökosystem, in dem wir zwar Kontrolle abgeben, aber auch wiederbekommen. In dem wir darüber nachdenken, in welchen Formen Journalismus stattfinden kann. Nutzen wir diese Chance. Auch wenn das Geduld, Experimente, Lernfähigkeit und eine offene Fehlerkultur bedeutet.

Ich sehe ein reines Nachbarschaftsnetzwerk nicht als sehr erfolgversprechend an. Wenn Sie einmal wissen, wer in ihrer Nachbarschaft eine Bohrmaschine hat, brauchen Sie das Netzwerk nicht mehr. Die Kombination des Netzwerks und seiner Technologie mit lokalem Journalismus ist hoch spannend. Denn Menschen brauchen Journalismus.

Mehr über Lokalportal und unseren gemeinsamen Weg verrate ich als verantwortlicher Produktmanager in einer Keynote am 6./7. Juni bei den PPI-Kundentagen in Kiel.

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