Alexander Drößler

Media Strategy

#ijf17: Wie User-Engagment Journalisten beim Geld verdienen helfen kann

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Es ging los mit einer Standpauke: „Wir Journalisten sind arrogant gegenüber Lesern und neuen Playern im Journalismus.“ Die These stammt von Lina Timm, der Leiterin des Media.Lab Bayern, aufgeworfen bei einer Diskussion über die Frage, ob Trump gut für den Journalismus sei. Der US-Präsident war das dominierende Thema des International Journalism Festival in Perugia. Vom 5. bis zum 9. April haben sich tausende Medienschaffende in der kleinen Stadt in Umbrien in der Mitte Italiens getroffen. Die größte europäische Journalismus-Veranstaltung brachte über 600 Speaker in über 250 verschiedenen Panels zusammen.

Lina Timm sagte, sie störe die Arbeitsweise, als Journalist zu sagen, „ich finde das Thema wichtig, daher habt ihr meinen Text bitte zu lesen“. Ihre Forderung: Endlich lernen, wie Startups zu denken. Das bedeute, zunächst ein Problem zu identifizieren, um dann eine Lösung dafür zu finden. Jeff Jarvis, Journalismus-Professor an der City University New York, rechtfertigte: „Früher hatten wir nicht die Werkzeuge, um Communities zuzuhören. Um zunächst ihre Bedürfnisse und Ziele zu verstehen und ihnen danach Journalismus zu geben.“

Public-Powered-Journalism als Chance für den Lokaljournalismus

Die Werkzeuge dafür, um Journalisten und ihr Publikum näher zusammen zu bringen, haben Jennifer Brandel vom US-Startup Hearken und Greg Barber von der Washington Post im Angebot. Beide möchten mit ihrer Software (Hearken und Coral Project) dazu beitragen, dass Journalisten das Publikum stärker in den journalistischen Prozess einbeziehen. Gerade für den Lokaljournalismus sei der „Public-Powered-Journalism“ laut Brandel eine Chance.

Story Cycle

Copyright: Jennifer Brandel, http://www.wearehearken.com

Für Brandel gehöre dazu, regelmäßig Partizipationsmöglichkeiten zu schaffen und Nutzer-Engagement wertzuschätzen. Um nachhaltig zu profitieren, müsse das Publikum genau sehen können, wie seine Mitwirkung die journalistische Arbeit beinflusst. Barber hob hervor, dass es nicht reiche, Partizipationsmöglichkeiten auf die Webseite zu setzen und zu hoffen, dass Nutzer sie anklicken und interagieren, sagt Greg Barber: „Um einen wirklichen wirtschaftlichen Vorteil von User-Engagement zu sehen, braucht es eine klare Strategie.“

„Weder Nische noch Skalierung funktionieren nachhaltig lokal“

Die Ausgangslage sei zwar schwierig, aber nicht hoffnungslos, sagte Rasmus Nielsen, Direktor des Reuters Instituts für Journalismusforschung in Oxford. „Facebook und Google haben lokale Werbung unglaublich effizient gemacht und erreichen auch in diesem Markt mehr Menschen, als eine Zeitung je erreicht hat.“ Er glaubt nicht an die derzeitigen digitalen Geschäftsmodelle im Journalismus: „Weder Nische noch Skalierung funktionieren nachhaltig lokal.“ Er fordert eine Rückbesinngung auf das, was lokaler Journalismus eigentlich meine. Lokale Medien sollten sich fragen, welche Probleme der Gesellschaft sie lösen würden und sich darauf reduzieren – und nicht jeden Tag eine beliebige Anzahl an Content-Items veröffentlichen. „Bringing people together“, das sei der Business Case von Lokalzeitungen – das, was sie als einzige oder am besten könnten. Ihr entscheidender Vorteil: „Sie bewegen sich in der lokalen Gemeinschaft, mit der sich Menschen identifizieren.“

De Correspondent: Mit 300 Euro zu 18.000 zahlenden Nutzern

Komplett auf die Leser setzt das niederländische Startup De Correspondent, das gerade in die USA expandiert. De Correspondent bittet seine Leser jedoch nicht nur um Geld, sondern auch nach ihrem Wissen – und bezieht sie so auf nahe und persönliche Weise ihre Artikel ein. „Das ist besser, als den Lesern zu sagen, bitte bezahlt uns, weil wir eine Nachrichtenseite sind“, sagte Mitgründer Ernst-Jan Pfauth. Eine harte Paywall hat De Correspondent nicht. „Wenn du als Leser etwas spannendes entdeckst, was dich betrifft und dir wichtig ist, dann ergibt eine Paywall keinen Sinn. Du willst den Text ja deinen Freunden zeigen“, so Pfauth weiter. De Correspondent – Leser können daher Artikel teilen, der neue Leser allerdings nur den einen lesen, dessen Link er bekommen hat. Mit dieser Strategie haben die Niederländer mit einem Marketing-Budget von 300 Euro 18.000 zahlende Nutzer generiert. Der Schlüssel dazu: Vertrauen durch Transparenz. So haben die Journalisten von De Correspondent beispielsweise einen eigenen Newsletter, der wie ein offenes Notizbuch funktioniert.

Facebook hat den Lokaljournalismus auf der Agenda

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Adam Mosseri (VP of Product for News Feed, Facebook) erklärt, wie sein Produkt funkioniert

Den Journalismus hat sich auch Facebook auf die Agenda für dieses Jahr gesetzt. Das soziale Netzwerk, das als Hauptsponsor des Festivals auftrat, möchte 2017 als Partner von Medien in drei Bereichen voran kommen: Storyformate, Lokalnachrichten und Monetarisierung. Insbesondere der Lokaljournalismus scheint im Silicon Valley eine Rolle zu spielen. Der VP of Product for News Feed, Adam Mosseri, erklärte: „Facebook möchte dabei helfen, lokale Quellen zu identifizieren und zu nutzen. Wir wollen Möglichkeiten bieten, aktive lokale Communities zu schaffen.“

Solutions Journalism: Berichterstattung darüber, wie Menschen auf soziale Probleme reagieren

Zurück zu Lina Timm und dem Startup-Denken (1. Find a Problem, 2. Find a Solution). Auf das Finden von Lösungen konzentrieren sich Tina Rosenberg von der New York Times und Ulrik Haagerup, Chefredakteur des Dänischen Rundfunks. Sie wollen Solutions Journalism oder Constructive News stärker in den Fokus von Redaktionen rücken. Rosenberg meint damit „rigorose Berichterstattung darüber, wie Menschen auf soziale Probleme reagieren.“ Dieser Ansatz führe nach einer Studie der University of Texas dazu, dass Leser deutlich mehr Artikel lesen würden. „Journalismus ist ein Feedback-Mechanismus“, sagte Ulrik Haagerup. „Wenn wir andere Fragen stellen, bekommen wir auch andere Antworten – und verändern die Nachrichten.“ Trump, sagte er, hätten die Medien mit ihrer Business-School-Logik selbst erschaffen: „Sie haben ihn übermäßig häufig dargestellt, weil er polarisiert und unterhaltsam ist.“ Um die Nachrichtenkultur der schlechten Nachrichten, der Emotionalität oder des Polarisierens zu ändern, gibt Haagerup seinen Chefsessel auf. Er gründet in Aarhus einen neuen Studiengang.

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Ulrik Haagerup (links) über konstruktiven Journalismus

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2 Kommentare zu “#ijf17: Wie User-Engagment Journalisten beim Geld verdienen helfen kann

  1. Pingback: Looking back at International Journalism Festival 2017: #IJF17 stories galore (link list) | www.Sozialgeschnatter.de

  2. Hallo Alex,
    vielen Dank für diesen intensiven Einblick.
    Aus eigenen Projekterfahrungen kann ich den Ansatz, mehr auf das User-Engagement
    zu setzen, als sehr erfolgreich bestätigen. Erst wenn der Leser das Gefühl bekommt,
    dass er verstanden und seine Meinung wertgeschätzt wird, ist er auch bereit,
    seine Aufmerksamkeit länger an digitale Inhalte zu binden. Neben eigenen Umfragen,
    stehen uns heutzutage zahlreiche Quellen zu Verfügung, um die Interessen, sowie das
    individuelle Verhalten des Lesers zu interpretieren und Ihn mit unseren Inhalten
    genau dort abzuholen, wo er gerade steht. „Content wirkt im Kontext.“ Eine spannende Entwicklung!
    Ich freue mich sehr, dass ich heute Deinen Blog entdeckt habe und stöbere jetzt
    mal durch die Beiträge. LG. Marc

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