Alexander Drößler

Media Strategy

What if? Szenarien für Journalismus in 10 Jahren

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„Das Geschäftsmodell des digitalen Journalismus ist kaputt“, sagt Medienwissenschaftler Stephan Weichert bei MEEDIA und fordert eine #Netzwende. Nichts funktioniere und nichts habe bisher funktioniert. Er stellt der Branche ein miserables Zeugnis aus. „Keiner hat irgendeinen wirklichen Plan.“ Man müsse sich von dem Gedanken verabschieden, „dass das lange praktizierte Marktmodell des Journalismus in Zukunft noch lange funktionieren kann“.

Er hat recht. Denn wir stehen vor einer technologischen Zäsur, die zu einer völlig veränderten Medienlandschaft führen wird. Das hat Zukunftsforscherin Amy Webb in ihrer Keynote zu Tech Trends im Journalismus bei der ONA17 deutlich gemacht, der diesjährigen Konferenz der Online News Association aus den USA. Im Mittelpunkt stehen dabei die Fragen, wie Informationsgewinnung und Informationsaustausch zukünftig organisiert sein können. Dafür hat Webb teils sehr düstere Szenarien entwickelt. Das Positive: Wir haben es selbst in der Hand, Antworten auf diese Fragen zu finden und bessere Szenarien mitzugestalten. Doch wir müssen jetzt damit beginnen!

Zukünftig werden wir Informationen auf unterschiedlichsten Geräten erhalten. Laut Webb befinden wir uns am Ende des Smartphone-Zeitalters, auch Computer wird es nicht mehr lange so geben, wie wir sie kennen. Stattdessen tauschen wir zukünftig Informationen mit Wearables unterschiedlicher Art aus.  Künstliche Intelligenz wird Einfluss auf unser Leben haben. Machine Learning Systems – also Systeme, die mit künstlicher Generierung von Wissen aus Erfahrung arbeiten – werden in der Lage sein, schnellere Entscheidungen als Menschen zu treffen. Bis jetzt kann Artificial Intelligence ja und nein unterscheiden, aber keine Informationen bewerten. Das ändert sich, sagt Webb. Daten werden immer wichtiger: In den nächsten zehn Jahren würden menschliche Daten zu einer Art Rohstoff, zum neuen Öl.

In zehn Jahren sind physische und digitale Welt verschmolzen

Wir sind bereits in der Lage, Personen, Orte und Objekte in den verschiedensten Umständen maschinell zu erkennen. In den nächsten zehn Jahren wird sich dieses sogenannte Visual Computing laut Webb deutlich weiterentwickeln und Einfluss auf unsere Gesellschaft haben. Der technologische Fortschritt ermögliche es, Gesundheit, Emotionen und Eigenschaften von Menschen nicht nur zu erkennen, sondern auch zu interpretieren. So ist es Forschern gelungen, ein System zu entwickeln, dass die sexuelle Orientierung von Menschen auf der Basis von Fotos erkennt. Auch Augmented Reality kommt durch Visual Computing voran, in dem maschinell Objekte erkannt und Daten interpretiert werden können, wie schon jetzt Google Pixel Stickers oder die World Lense von Snapchat zeigen. Diese Entwicklungen bieten Chancen und Risiken für Journalismus.

Stellen wir uns also eine Welt in zehn Jahren vor, in der die physische und die digitale Welt verschmolzen sind. Webb sieht dafür drei Szenarien. Optimistisch betrachtet, können wir die Möglichkeiten, die Visual Computing mitbringt, als Reporting Tool nutzen, ebenso als Distributionsplattform. Medienunternehmen würden dafür Geschäftsmodelle entwickeln. Menschen könnten in Echtzeit Informationen suchen zu allem, was sie sehen – dadurch die Welt besser verstehen und bessere Entscheidungen treffen. Wie wahrscheinlich ist dieses Szenario? Für Amy Webb ist es derzeit komplett unwahrscheinlich, da quasi niemand daran arbeite.

Demnach steuern wir auf eine Zukunft zu, in der Medienunternehmen kein Geschäftsmodell für Visual Computing hätten und die Distribution von Nachrichten noch diffuser würde. Das würde die Finanzierung von Journalismus noch schwieriger werden und zu Pleiten führen. Wir würden auf eine Gesellschaft mit weit verbreiteter digitaler Diskriminierung zusteuern, da Computer darauf trainiert würden, Stereotypen zu erkenne und zu lernen. Webb hält dieses Szenario zu 70 Prozent für wahrscheinlich.

Doch es könnte noch dramatischer kommen, wenn Medienunternehmen auf Grund fehlender Geschäftsmodelle Werber und Marktanteile an neue Visual News Plattformen verlieren würden und Journalismus kaum noch finanzierbar wäre. Denkbar wäre eine desinformierte Gesellschaft, in der es ganz schwer wäre, Fake News zu erkennen und in der Maschinen auf der Basis stumpfer Stereotypen Entscheidungen treffen würden, die unser Leben betreffen. Zu 30 Prozent tritt ein solches Szenario ein, sagt Webb.

Führen fehlende Journalismus-Geschäftsmodelle in den Atomkrieg?

Das zweite prägende Themencluster ist für Amy Webb die Sprache. 2021 würde in Industrienationen die Hälfte der Computernutzer über Sprache mit ihren Geräten interagieren.  In zehn Jahren gibt es demnach keine User Interfaces mehr, sondern nur noch Conversational Interfaces. Maschinen würden zukünftig noch besser in der Lage sein, Texte zu verstehen und sie zusammenzufassen. So könne man beispielsweise eine Frage stellen und direkt eine qualifizierte Antwort eines Computers darauf bekommen, weit fortschrittlicher, als Alexa oder Google Home jetzt schon sind. Es ist fraglich, inwiefern künftig Medienunternehmen als Quelle für berücksichtigt und genannt werden. Spannend ist auch die Kombination von Audioentwicklungen mit Visual Computing. Im Sommer hatten Forscher der Universität Washington ein Video mit einer künstlich erzeugten Rede Barack Obamas vorgestellt. Dabei hatte künstliche Intelligenz Sprachaufnahmen in realistische Lippenbewegungen von Obama verwandelt.

Wenn sich Medienunternehmen nicht frühzeitig darauf einstellen und Geschäftsmodelle für die Zeit ohne User Interfaces entwickeln, sieht Webb schwarz für deren Zukunft, mit dramatischen Folgen für die Gesellschaft. In ihrem Horrorszenario täuschen Fake News die Weltpolitik, was zu Unruhen, Verwirrung und Gewalt führe. Sie geht sogar so weit, die Menschheit in einem Cyber- oder einem Atomkrieg zu sehen. Dieses Szenario sieht sie zu 20 Prozent kommen.

Wahrscheinlicher (80 Prozent) sei ein Szenario, in dem Medienunternehmen sich mit Systemen wie Alexa beschäftigen und sie für sich entdecken, aber kein nachhaltiges Geschäftsmodell finden. Webb prognostiziert massive wirtschaftliche Probleme für sie, die zu weiterer Medienkonsolidierung führe. Die Gesellschaft hätte mit zunehmenden Fake News zu kämpfen und weiter schwindendem Vertrauen in die Medien. Sie wäre schlechter informiert und es würde häufiger zu Unruhen kommen.

Aktuell komplett unwahrscheinlich erscheint Webb die optimistische Vorstellung, dass Medienunternehmen Sprache zur Top-Priorität machen und radikal neue Geschäftsmodelle dafür entwickeln und testen. In dieser Vorstellung würden Journalisten Wege entwickeln, Videos zu verifizieren, bevor sie sie nutzen oder verbreiten. Konzerne wie Facebook und Google hätten Authentifizierungssysteme, mit denen sie Fake Videos erkennbar machen, sie weniger häufiger ausspielen oder komplett blockieren könnten.

Wie frei ist das World Wide Web?

Entscheidend ist für Webb auch, wie sich der Zugang zu Informationen entwickelt. Derzeit haben viele Akteure viele Informationen zu verbreiten, aber intransparente Algorithmen entscheiden darüber, wer was wann und wie sieht. Ein Problem sei zudem, dass Geschwindigkeit und Qualität von Nachrichten nicht gut zusammenpassen. Unsere modernen digitalen Distributionssysteme seien für Geschwindigkeit ausgelegt, nicht zwangsläufig für die Richtigkeit der Berichterstattung.

Mit Sorge sieht Webb die Entwicklung des World Wide Webs. Es sei kein freier Informationsfluss mehr möglich, da verschiedene Länder unterschiedliche Regelungen hätten (deutsches Gesetz zur Löschung von Hasskommentaren, Recht auf Vergessenwerden der EU). Dies führe zu einer Entwicklung von sogenannten regionalen Splinternets, zu Netzwerken, die durch Ländergrenzen aufgeteilt und durch deren Gesetze reglementiert würden.

Webbs Prognose für diesen Bereich ist noch pessimistischer als für die beiden vorherigen Bereiche. Zu 50 Prozent sieht sie ein Szenario kommen, in dem Nachrichten noch schneller verbreitet würden und Journalisten genauso viel damit verbringen müssten, Falschmeldungen zu korrigieren als für die eigentliche Recherche vor der Veröffentlichung einer Nachricht. Das Vertrauen in die Medien würde erodieren. Regionale Splinternets sieht sie kommen, so dass Facebook und Google viel investieren müssten, um regionale Systeme zu entwickeln.

Für genauso wahrscheinlich hält Webb ein dramatisches Szenario, in dem hauptsächlich maschinell generierte Nachrichten, die auf Gefühlen und ungenauen Informationen verbreitet würden. Traditionelle Medienunternehmen würde es kaum oder gar nicht mehr geben. In diesem Szenario würden flächendeckende Falschinfomationskampagnen realistisch, die demokratiebedrohend wären.

Viel besser wäre ein Szenario, in dem Medienunternehmen zusammen auf Verifizierung und Transparenz bestehen würden, um eine nachhaltige Basis für die ganze Nachrichtenindustrie zu legen. Webb sieht dazu in der Blockchaintechnologie Potenzial für Nachrichten und Informationsaustausch. In diesem Szenario wären Splinternets kein Thema, sondern ein freies World Wide Web, das einer informierten Gesellschaft zugutekäme. Das scheint aktuell unmöglich.

Welche Zukunft wollen wir? Gestalten wir sie mit!

Neun Unternehmen aus wenigen Ländern kontrollieren laut Webb die Zukunft von Artificial Intelligence und Conversational Interfaces: Tencent, Baidu und Alibaba aus China sowie Amazon, Google, Microsoft, Apple, Facebook und IBM aus den USA. Mit den Szenarios im Kopf kontrollieren diese neun Unternehmen für Amy Webb nicht weniger als die Zukunft der Menschheit. Wollen wir sie allein darüber entscheiden lassen? Müssen wir uns als Medienmacher und Medienmöglichmacher nicht viel stärker mit unserer Rolle im Hinblick auf diesen technologischen Fortschritt beschäftigen? Stattdessen bewegen wir uns gerne in unserem Mikrokosmos. Zu häufig versuchen wir, unsere bisherigen Produkte ein bisschen digitaler zu machen und zu verkaufen. Das haben wir schließlich immer so gemacht.

Wann fangen wir an, Produkte komplett neu zu denken und orientieren uns dabei an den technologischen Entwicklungen, zukünftigen Trends und an den Bedürfnissen und Nutzungssituationen unserer bisherigen und potenziellen Nutzer? Noch haben wir es selbst in der Hand, in welchem Szenario wir uns in zehn Jahren befinden. Ich möchte, dass es die optimistischen Varianten von Amy Webbs Aussichten werden. Also fangen wir an!

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