Durch Corona unter Druck: Wie können wir den Journalismus in der Krise neu denken?

Durch die Corona-Pandemie ist auch der Journalismus stark unter Druck: Die Nachfrage ist riesig, aber die Finanzierung wackelt. Doch die Krise ist auch eine Chance, Journalismus neu zu denken. Ein Weg: In Communities denken und ihre Bedürfnisse verstehen.

Wir müssen einmal darüber reden, was die Corona-Pandemie für den Journalismus bedeutet. Das Gute: Der Journalismus wird gebraucht. In einer Krise wie dieser sind zuverlässige Informationen ein wichtiger Faktor, um sie zu bewältigen. Das scheint auch ein Großteil der Bevölkerung so zu sehen. Die Nachfrage nach zuverlässigen Informationen ist riesig: Im März gewannen die reichweitenstärksten deutschen Nachrichtenmedien zwischen 30% und 195% an Visits hinzu. Dieser Nachfrage gerecht zu werden, ist mit zahlreichen Anstrengungen verbunden. So erscheinen die meisten Zeitungen und deren Digital-Angebote komplett oder nahezu komplett aus dem Homeoffice, wie auch die Neue Westfälische. Innerhalb kürzester Zeit waren Zeitungen, die in der Digitalbranche eher als träge Tanker wahrgenommen werden, in der Lage, auf digital umzustellen. Das ist großartig und freut mich total.

So stark ist das Geschäftsmodell unter Druck

Doch ein Blick auf das Geschäftsmodell zeigt eine andere Seite. Lesereinnahmen und Werbung sind zwei Geschäftsfelder, die schon vor Corona stark unter Druck standen. Bei ersterem gibt es jetzt offenbar Hoffnung. Zahlreiche Medienhäuser berichten von einem sprunghaften Anstieg der Abo-Zahlen, vor allem digital. Schließlich sind viele Informationen auf den Nachrichtenseiten hinter der Paywall zu finden, was durchaus kontrovers diskutiert wird. Die Frage wird sein, inwiefern sich aus diesem Corona-Bump dauerhafte Abonnenten konvertieren lässt.

Bei der Werbung sieht die Sache anders aus. Dieses Geschäftsmodell ist nahezu vollständig zum Erliegen gekommen. Wo das öffentliche Leben still steht und die Wirtschaft stillgelegt ist, braucht auch kaum jemand auf seine Angebote aufmerksam machen. Bei schätzungsweise 35% bis 45%, die Werbung am Umsatz von Zeitungsverlagen ausmachen mag, ist das ein sehr schwerer Schlag. So ist es kaum verwunderlich, dass zahlreiche Medienhäuser Kurzarbeit angemeldet haben. Wo es geht betrifft das lediglich Verlagsbereiche, doch scheinen auch langsam mehr Redaktionen betroffen zu sein. Die Main-Post war laut Süddeutsche eine der ersten Zeitungen, die ihre Journalisten in Kurzarbeit geschickt hat. Auch bei der Süddeutschen selbst wird dies geprüft.

Komplett durch Werbung finanzierte Medien trifft es richtig hart. Die privaten Radiosender kämpfen um ihr Überleben, Buzzfeed Deutschland steht zum Verkauf, die amerikanische Mutter muss sparen. In den USA sieht es insgesamt noch dramatischer aus. So ist die Aktie von Gannett, der größten amerikanischen Zeitungskette, auf 63 Cent gefallen. Das entspricht einem Wert von 88 Millionen Dollar. Im Januar war das Unternehmen noch 823 Millionen Dollar wert, vor 15 Jahren sogar 18,5 Milliarden.

In der Krise den Journalismus neu denken

So unbequem das auch klingt: Was passiert, wenn so ein Riese verschwindet? Wenn es auf einmal keinen Lokaljournalismus mehr gibt, wie wir ihn kennen? Wie würden wir ihn neu denken? Diese Fragen stellen wir uns gerade im News Innovation & Leadership Program mit Jeff Jarvis und Anita Zielina. Jeff kritisiert seit langem, dass die aktuellen Geschäftsmodelle nicht mehr lange funktionieren würden:

„Advertising in its current forms is burning out — perhaps even for the lucky ones who still have it. Paywalls will not work for more than a few — and their builders often do not account for the real motives of people who pay and who don’t.”

Daher lohnt der Blick nach vorn. Anita hat uns dazu zum Start des zweiten Blockes unseres Programms in einem Brief Mut gemacht:

„It might sound like a banality, but every crisis is a unique opportunity for change. (…) People are deeply engaged with our journalism, and the crisis might give all of us a window of opportunity to rethink our media outlets to better serve their communities.”

Wie ließe sich also der lokale und regionale Journalismus neu denken? Ich glaube, er würde wahrscheinlich nicht als Massenmedium starten, so wie in aktuell Zeitungsverlage bieten. Mit kleiner Mannschaft würde ich mich als erstes fragen, welche Communities und Zielgruppen es in meinem Einzugsgebiet gibt. Fußballfans? Arbeitslose? Einzelhändler? Davon ausgehend würde ich mich fragen, welche Ziele meine gewählte Zielgruppe hat und inwiefern journalistische Arbeit dazu beitragen kann, diese zu erreichen. Dabei gibt es zahlreiche Möglichkeiten mehr als den klassischen Artikel mit Foto. Welche Form und welche Technologie am geeignetsten sind hängt von der Zielgruppe ab. Abschließend wäre die Frage, welche Monetarisierungsmöglichkeiten es für die daraus entstandene Idee gibt. Hier lohnt es sich ebenfalls breiter zu denken, als Artikel zu verkaufen. In unserem Kurs kamen so allein im ersten Brainstorming über 60 Anknüpfungspunkte zusammen, von denen es sich lohnt, einige weiterzuverfolgen.

In Communities denken und ihre Bedürfnisse verstehen

Ein Beispiel: Ich bin Fan von Arminia Bielefeld, deshalb nehme ich mal den Fußball und seine Fans. Das ist eine eindeutig definierbare Zielgruppe und ein klassisches Aufgabenfeld von Zeitungen. Doch die Konkurrenz ist hart. Die Vereine selbst machen professionelle Medienarbeit auf allen Kanälen, für Journalisten wird es immer schwieriger, ein Alleinstellungsmerkmal zu finden. Die Fans selbst tauschen sich in Facebook- oder WhatsApp-Gruppen zu den für sie relevanten Themen aus, es gibt kaum eine Information, die dort nicht stattfindet. Wenn ich hier ein Bedürfnis sehe, dann wahrscheinlich, das Spiel selbst taktisch besser zu verstehen. Bei der NW haben wir deshalb mit unseren Lesern den „Taktik-Check“ entwickelt, in dem ein lizenzierter Trainer bestimmte Spielsituationen erklärt. Das ist etwas, was die Konkurrenz nicht macht und wo dem einfachen Fan womöglich das Auge zu fehlt. Vielleicht ließe sich um dieses Thema herum ein Newsletter starten, der sich vermarkten lässt? Oder doch etwas ganz anderes?

Ein anderes Beispiel kommt von den Kolleg*innen der NOZ. Sie haben sich im Corona-Kontext Unternehmer als Zielgruppe vorgenommen. Mit dem „Netzfeld Corona-Akut“ wollen sie ihnen „helfen, ihr Geschäft durch diese schwierige Zeit zu führen.“ Dazu gibt es ein großes Themen-Dossier, Newsletter und virtuellen Austausch von Unternehmern mit ähnlichen Fragen und Herausforderungen. Dabei nehmen die Kolleg*innen die Zielgruppe direkt mit in den journalistischen Prozess auf: Die Basis ist ein Fragebogen um herauszufinden, an welchen Themen die Unternehmer besonders interessiert sind.

Wie lässt sich Journalismus nach der Corona-Krise besser machen – oder neu denken? Ich freue mich auf die Diskussion.

Schöne Ostertage!