#ijf18: Deshalb haben Traditionsmedien ohne organisatorische Transformation keine Chance

Um digital erfolgreich zu sein, müssen Medienunternehmen genauso viel in die Transformation der Organisation wie in die Produkte investieren. Das erfordert eine andere Unternehmenskultur und stärkeres strategisches Denken.

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Das ist mein zweiter Text zum diesjährigen International Journalism Festival in Perugia. Hier geht’s zum Text über Reader Revenue. Ich werde in den kommenden Tagen noch über meine Eindrücke zum Thema Community Engagement schreiben.

Die Einen sehen den Demogorgon, das unsichtbare Monster aus „Stranger Things“, die Anderen nicht. So beschreibt Lucy Küng beim International Journalism Festival ein aus ihrer Sicht zentrales Problem von traditionellen Medien. „Es gibt immer eine Gruppe von Menschen, die verstehen, welche Herausforderungen auf sie zukommen. Und auf der anderen Seite gibt es Menschen, die es entweder nicht verstehen oder es lieber nicht verstehen wollen.“

Expertise hängt nicht mehr mit Erfahrung zusammen

Die Schweizerin ist Google Digital News Senior Fellow am Reuters Institute for the Study of Journalism an der University of Oxford und sieht eine Menge Herausforderungen, die sie in ihrer Studie „Going Digital – A Digital Roadmap for Organisational Transformation“ zusammengefasst hat. Küngs Kernaussage: Um digital erfolgreich zu sein, müssen Medienunternehmen müssen genauso viel in die Transformation der Organisation wie in die Produkte investieren. „Weil der Weg zur Nachhaltigkeit nicht klar ist, müssen diejenigen, die im Journalismus arbeiten, unvermeidlich für einen kontinuierlichen Wandel bereit sein.“ Bis zur Digitalisierung sei Wandel jedoch immer schrittweise und gut im Voraus erkennbar abgelaufen und Vorhersagen einfach gewesen. „Das ist nicht mehr der Fall.“

Deshalb sei eine veränderte Unternehmenskultur essenziell, mit flexibleren Strukturen und Rollen sowie regelmäßigen Weiterbildungen. „Expertise hängt nicht mehr mit Erfahrung zusammen.“ Das hat Folgen für etablierte Führungskräfte: „Aktuell in Führungsverantwortung zu sein bedeutet nicht, dass das auch so bleibt. Eher das Gegenteil ist der Fall.“ Relevantes Fachwissen sei häufiger in neueren Unternehmensbereichen und auf niedrigeren Hierachiestufen zu finden, was einen ganz anderen Informationsfluss innerhalb des Unternehmens notwendig mache.

Bei der BBC half ein „Digital Q&A Day“, berichtet Fiona Campbell, Controller of mobile & online bei BBC News. „Wir haben in verschiedenen Sessions beispielweise erklärt, wie Journalismus mobil funktioniert, was wir auf unserer Webseite messen können oder wie digitales Marketing funktioniert. Außerdem war der Tag gut, um Ideen zu sammeln.“

Es geht nicht um das Wollen sondern um das Wie

Für Renée Kaplan, Head of Audience Engagement bei der Financial Times, ist es besonders wichtig, eine Zukunftsvision aufzuzeigen, um die Mitarbeitenden mitzunehmen. „Macht ihnen klar, die Zukunft für sie bringen kann.“ Aus ihrer Erfahrung seien Redakteure verunsichert, wie Wandel aussehen kann und wie er zu schaffen ist. „Es geht nicht um das ‚Wollen‘, sondern um das ‚Wie‘.“

Dazu müsse eine Frage jedoch zuerst geklärt sein: „Was ist das Geschäftsziel der Organisation?“ Daraus lasse sich ableiten, inwiefern sich dieses Geschäftsziel in eine redaktionelle Strategie übersetzen lässt. „Was ist die redaktionelle Strategie der Geschäftsstrategie?“ Dann lasse sich einfach erklären, warum sich Redakteure jetzt auch noch um Instagram, Snapchat oder Newsletter kümmern müssen.

„Die Antwort auf das ‚Warum‘ muss immer etwas sein wie ‚das hilft uns in folgender Weise, dieses Geschäftsziel zu erreichen‘.“ Dabei sei es wichtig, erreichbare Ziele zu formulieren, damit eine „Yes, we did“-Stimmung entstehen könne. Für eine Zeitung, die ihre Inhalte bislang immer abends veröffentlicht hat, würde sich beispielsweise anbieten, mehr am Morgen zu veröffentlichen und das mit einem Redaktionsplan zu planen, um darüber nachzudenken, zu welcher Zeit welche Leser welche Themen nachfragen. „So könnt ihr dem Autor am Ende sagen, dass sein Artikel dadurch soundsoviel Prozent mehr Leser erreicht hat.“

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Strategische Fragen müssen wieder stärker in den Fokus rücken

Für Lucy Küng ist klar, dass strategische Fragen wieder stärker in den Fokus rücken müssen. Dabei sieht sie vier Bereiche:

  1. Das langfristige Ziel: „Warum existiert diese Organisation?“ Dieses Ziel gehe häufig mit der journalistischen Kernmission einher und bleibe konstant, während sich die Funktionalstrategien zur Zielerreichung verändern können.
  2. Das Geschäftsmodell: „Wie können wir unser Ziel nachhaltig finanzieren“?
  3. Neue Entwicklungen: „Wie gehen wir mit den ‚Shiny new things‘ um?“ Damit gemeint sind neue Plattformen oder deren neue Funktionen oder andere Trends, die das Geschäft beeinflussen könnten.
  4. Technik & Daten: „Zusammen bilden sie das zentrale Nervensystem, dass die anderen drei Bereiche unterstützt, informiert und füttert. Weder langfristige Ziele noch Umsatzambitionen können nachhaltig erreicht werden, wenn sie nicht in einen intelligenten und leistungsstarken Tech-Stack, eine Daten-Engine, ein Vertriebssystem für soziale Medien und digitale Storytelling-Tools eingebettet sind.“

#ijf18: Paid Content? Membership? Wie das Business Modell die redaktionelle Strategie beeinflusst

Reader Revenue wird immer wichtiger für die Finanzierung von Journalismus im Digitalen. Was Paid Content von Membership unterscheidet und was das in der Konsequenz für die redaktionelle Strategie bedeutet, war Thema beim International Journalism Festival Perugia.

Das ist mein erster Text zum diesjährigen International Journalism Festival in Perugia. Ich werde in den kommenden Tagen noch über digitale Transformation und Community Engagement schreiben.

Für Rasmus Nielsen vom Reuters Institute der University of Oxford ist klar, warum Medien mit Paid Content im Digitalen bislang kaum erfolgreich sind: „Der meiste Journalismus im Internet ist es nicht wert, dafür zu bezahlen.“ Der Journalismus-Professor weiter: „ Wenn ihr etwas produzieren möchtet, für das Menschen bereit sind, zu bezahlen, muss es einen Wert für sie haben.“ Mit welchen Ansätzen das gelingen kann, war eines der dominanten Themen beim International Journalism Festival in Perugia.

Francesco Marconi, Head of Research & Development beim Wall Street Journal, sieht die Herausforderung darin, in einem übersättigten Markt mit riesigem Wettbewerb bestehen zu müssen. Für Medienhäuser bedeute dies, einerseits genügend Masse, andererseits einzigartige Inhalte zu produzieren, die niemand in dieser Form anbiete. Er macht deutlich, dass das nur mit einem kulturellen Wandel zu schaffen sei: „Redaktionen müssen sich daran gewöhnen, zu forschen, Hypothesen zu bilden, Piloten zu entwickeln, auszuprobieren und vom Feedback zu lernen.“

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„Wir fangen eigentlich erst an, die Inhalte zu produzieren, die unser Publikum wirklich braucht.“

Erstaunlich ehrlich berichtet Renée Kaplan, Head of Audience Engagement bei der Financial Times. „Wir fangen eigentlich erst an, die Inhalte zu produzieren, die unser Publikum wirklich braucht.“ Bei der FT seien das beispielsweise vermehrt Berichte über Geschäftsdeals und deren Abwicklung. „Früher ging es um Reichweite. Jetzt geht es aber darum, zu verstehen, was wirklich wertbringend für unsere Leser ist.“ Redaktionell bedeute das auszuprobieren, inwiefern Leser für einen bestimmten Inhaltstyp zu zahlen bereit sind – und mehr zu zahlen bereit sind. Es gehe nicht darum, jedem Leser einen bestimmten Betrag zu entlocken, sondern von jedem individuellen Leser den höchsten Betrag zu bekommen, den er zu zahlen bereit sei.

Einen anderen Weg schlägt das News Revenue Hub ein, eine amerikanische Initiative, die mit ihren Partnern auf Mitgliedschaften anstelle von Digitalabos setzt. „Wir müssen unsere Leser mit den sich verändernden wirtschaftlichen Bedingungen konfrontieren, dass Werbeeinnahmen nicht ausreichen“, sagt Gründerin und CEO Mary Walter-Brown. Dann komme es auf eine möglichst tiefe Beziehung zum Leser an. „Es geht darum, zu überlegen, welche Nutzenversprechen man dem Leser macht und wie man sie realisiert.“ Bei Voice of San Diego gebe es beispielsweise regelmäßig den sogenannten „Membership Coffee“: Die Redakteure treffen sich mit den Lesern, um mit ihnen über deren Themen zu sprechen. Das sei gleichzeitig ein Realitätscheck. „Es kann sein, dass wir Journalisten eine Geschichte total interessant finden, unsere Leser darüber aber ganz anders denken. Deshalb brauchen wir Fokusgruppen, um redaktionelle Entscheidungen zu treffen.“

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Einzigartige Inhalte mit Einbeziehung der Leser

Zur redaktionellen Strategie gehöre es auch dazu, auf Themen zu verzichten, wie Natalie Choate vom  Texas Tribune und Maaike Goslinga vom niederländischen De Correspondent deutlich machen. „Wir entscheiden immer wieder neu, was unsere Berichterstattung erfordert und was nicht.“ Goslinga berichtet von Beispielen, bei denen De Correspondent seinen Mitgliedern erklärte, dass die Reporter nichts Neues zu bereits bekannten Nachrichten beitragen konnten. Stattdessen arbeite man dort an einzigartigen Geschichten, bei denen die Mitglieder miteinbezogen würden: „Die Hälfte der Arbeitszeit bei uns ist Engagement. Jeder Reporter muss sich regelmäßig mit unseren Mitgliedern austauschen. So können wir besseren Journalismus machen.“

Um potenzielle Mitglieder von der Mitgliedschaft zu überzeugen und sie dann zu halten, setzen Voice of San Diego und Honolulu Civil Beat auf Newsletter. „Das ist ganz wichtig, um potenzielle Leser in den Funnel zu bekommen. Es bieten sich beispielsweise ein freier und ein Newsletter für Mitglieder an“, sagt Mary Walter-Brown. Diese müssten als eigenständige Produkte behandelt werden, betont Ben Nishimoto vom Honolulu Civil Beat: „Newsletter dürfen nicht nur Links zu Inhalten auf der Webseite enthalten, sondern brauchen ein einzigartiges Design.“ Mit Hilfe eines eigenen Newsletter-Redakteurs habe der Honolulu Civil Beat innerhalb von zwei Monaten aus 4.000 Newsletter-Abonnenten 22.000 gemacht. „Die bleiben im Schnitt länger als Nutzer, die über andere Wege zu uns kommen.“

Was können wir daraus lernen?

Das amerikanische Non-Profit-Modell der Mitgliedschaften ist wahrscheinlich für den deutschen Markt und die Transformation deutscher Medien nur schwer übertragbar. Ich glaube aber, dass wir uns vom nutzerzentrierten Denken sehr viel abschauen können, nehmen wir doch viel zu oft eine einseitig auf das Unternehmen gerichtete Sichtweise ein. Wie seht ihr das?  

What if? Szenarien für Journalismus in 10 Jahren

Wir stehen vor einer technologischen Zäsur, die zu einer völlig veränderten Medienlandschaft führen wird. Welches Szenario wollen wir? Wir haben es selbst in der Hand.

„Das Geschäftsmodell des digitalen Journalismus ist kaputt“, sagt Medienwissenschaftler Stephan Weichert bei MEEDIA und fordert eine #Netzwende. Nichts funktioniere und nichts habe bisher funktioniert. Er stellt der Branche ein miserables Zeugnis aus. „Keiner hat irgendeinen wirklichen Plan.“ Man müsse sich von dem Gedanken verabschieden, „dass das lange praktizierte Marktmodell des Journalismus in Zukunft noch lange funktionieren kann“.

Er hat recht. Denn wir stehen vor einer technologischen Zäsur, die zu einer völlig veränderten Medienlandschaft führen wird. Das hat Zukunftsforscherin Amy Webb in ihrer Keynote zu Tech Trends im Journalismus bei der ONA17 deutlich gemacht, der diesjährigen Konferenz der Online News Association aus den USA. Im Mittelpunkt stehen dabei die Fragen, wie Informationsgewinnung und Informationsaustausch zukünftig organisiert sein können. Dafür hat Webb teils sehr düstere Szenarien entwickelt. Das Positive: Wir haben es selbst in der Hand, Antworten auf diese Fragen zu finden und bessere Szenarien mitzugestalten. Doch wir müssen jetzt damit beginnen!

Zukünftig werden wir Informationen auf unterschiedlichsten Geräten erhalten. Laut Webb befinden wir uns am Ende des Smartphone-Zeitalters, auch Computer wird es nicht mehr lange so geben, wie wir sie kennen. Stattdessen tauschen wir zukünftig Informationen mit Wearables unterschiedlicher Art aus.  Künstliche Intelligenz wird Einfluss auf unser Leben haben. Machine Learning Systems – also Systeme, die mit künstlicher Generierung von Wissen aus Erfahrung arbeiten – werden in der Lage sein, schnellere Entscheidungen als Menschen zu treffen. Bis jetzt kann Artificial Intelligence ja und nein unterscheiden, aber keine Informationen bewerten. Das ändert sich, sagt Webb. Daten werden immer wichtiger: In den nächsten zehn Jahren würden menschliche Daten zu einer Art Rohstoff, zum neuen Öl.

In zehn Jahren sind physische und digitale Welt verschmolzen

Wir sind bereits in der Lage, Personen, Orte und Objekte in den verschiedensten Umständen maschinell zu erkennen. In den nächsten zehn Jahren wird sich dieses sogenannte Visual Computing laut Webb deutlich weiterentwickeln und Einfluss auf unsere Gesellschaft haben. Der technologische Fortschritt ermögliche es, Gesundheit, Emotionen und Eigenschaften von Menschen nicht nur zu erkennen, sondern auch zu interpretieren. So ist es Forschern gelungen, ein System zu entwickeln, dass die sexuelle Orientierung von Menschen auf der Basis von Fotos erkennt. Auch Augmented Reality kommt durch Visual Computing voran, in dem maschinell Objekte erkannt und Daten interpretiert werden können, wie schon jetzt Google Pixel Stickers oder die World Lense von Snapchat zeigen. Diese Entwicklungen bieten Chancen und Risiken für Journalismus.

Stellen wir uns also eine Welt in zehn Jahren vor, in der die physische und die digitale Welt verschmolzen sind. Webb sieht dafür drei Szenarien. Optimistisch betrachtet, können wir die Möglichkeiten, die Visual Computing mitbringt, als Reporting Tool nutzen, ebenso als Distributionsplattform. Medienunternehmen würden dafür Geschäftsmodelle entwickeln. Menschen könnten in Echtzeit Informationen suchen zu allem, was sie sehen – dadurch die Welt besser verstehen und bessere Entscheidungen treffen. Wie wahrscheinlich ist dieses Szenario? Für Amy Webb ist es derzeit komplett unwahrscheinlich, da quasi niemand daran arbeite.

Demnach steuern wir auf eine Zukunft zu, in der Medienunternehmen kein Geschäftsmodell für Visual Computing hätten und die Distribution von Nachrichten noch diffuser würde. Das würde die Finanzierung von Journalismus noch schwieriger werden und zu Pleiten führen. Wir würden auf eine Gesellschaft mit weit verbreiteter digitaler Diskriminierung zusteuern, da Computer darauf trainiert würden, Stereotypen zu erkenne und zu lernen. Webb hält dieses Szenario zu 70 Prozent für wahrscheinlich.

Doch es könnte noch dramatischer kommen, wenn Medienunternehmen auf Grund fehlender Geschäftsmodelle Werber und Marktanteile an neue Visual News Plattformen verlieren würden und Journalismus kaum noch finanzierbar wäre. Denkbar wäre eine desinformierte Gesellschaft, in der es ganz schwer wäre, Fake News zu erkennen und in der Maschinen auf der Basis stumpfer Stereotypen Entscheidungen treffen würden, die unser Leben betreffen. Zu 30 Prozent tritt ein solches Szenario ein, sagt Webb.

Führen fehlende Journalismus-Geschäftsmodelle in den Atomkrieg?

Das zweite prägende Themencluster ist für Amy Webb die Sprache. 2021 würde in Industrienationen die Hälfte der Computernutzer über Sprache mit ihren Geräten interagieren.  In zehn Jahren gibt es demnach keine User Interfaces mehr, sondern nur noch Conversational Interfaces. Maschinen würden zukünftig noch besser in der Lage sein, Texte zu verstehen und sie zusammenzufassen. So könne man beispielsweise eine Frage stellen und direkt eine qualifizierte Antwort eines Computers darauf bekommen, weit fortschrittlicher, als Alexa oder Google Home jetzt schon sind. Es ist fraglich, inwiefern künftig Medienunternehmen als Quelle für berücksichtigt und genannt werden. Spannend ist auch die Kombination von Audioentwicklungen mit Visual Computing. Im Sommer hatten Forscher der Universität Washington ein Video mit einer künstlich erzeugten Rede Barack Obamas vorgestellt. Dabei hatte künstliche Intelligenz Sprachaufnahmen in realistische Lippenbewegungen von Obama verwandelt.

Wenn sich Medienunternehmen nicht frühzeitig darauf einstellen und Geschäftsmodelle für die Zeit ohne User Interfaces entwickeln, sieht Webb schwarz für deren Zukunft, mit dramatischen Folgen für die Gesellschaft. In ihrem Horrorszenario täuschen Fake News die Weltpolitik, was zu Unruhen, Verwirrung und Gewalt führe. Sie geht sogar so weit, die Menschheit in einem Cyber- oder einem Atomkrieg zu sehen. Dieses Szenario sieht sie zu 20 Prozent kommen.

Wahrscheinlicher (80 Prozent) sei ein Szenario, in dem Medienunternehmen sich mit Systemen wie Alexa beschäftigen und sie für sich entdecken, aber kein nachhaltiges Geschäftsmodell finden. Webb prognostiziert massive wirtschaftliche Probleme für sie, die zu weiterer Medienkonsolidierung führe. Die Gesellschaft hätte mit zunehmenden Fake News zu kämpfen und weiter schwindendem Vertrauen in die Medien. Sie wäre schlechter informiert und es würde häufiger zu Unruhen kommen.

Aktuell komplett unwahrscheinlich erscheint Webb die optimistische Vorstellung, dass Medienunternehmen Sprache zur Top-Priorität machen und radikal neue Geschäftsmodelle dafür entwickeln und testen. In dieser Vorstellung würden Journalisten Wege entwickeln, Videos zu verifizieren, bevor sie sie nutzen oder verbreiten. Konzerne wie Facebook und Google hätten Authentifizierungssysteme, mit denen sie Fake Videos erkennbar machen, sie weniger häufiger ausspielen oder komplett blockieren könnten.

Wie frei ist das World Wide Web?

Entscheidend ist für Webb auch, wie sich der Zugang zu Informationen entwickelt. Derzeit haben viele Akteure viele Informationen zu verbreiten, aber intransparente Algorithmen entscheiden darüber, wer was wann und wie sieht. Ein Problem sei zudem, dass Geschwindigkeit und Qualität von Nachrichten nicht gut zusammenpassen. Unsere modernen digitalen Distributionssysteme seien für Geschwindigkeit ausgelegt, nicht zwangsläufig für die Richtigkeit der Berichterstattung.

Mit Sorge sieht Webb die Entwicklung des World Wide Webs. Es sei kein freier Informationsfluss mehr möglich, da verschiedene Länder unterschiedliche Regelungen hätten (deutsches Gesetz zur Löschung von Hasskommentaren, Recht auf Vergessenwerden der EU). Dies führe zu einer Entwicklung von sogenannten regionalen Splinternets, zu Netzwerken, die durch Ländergrenzen aufgeteilt und durch deren Gesetze reglementiert würden.

Webbs Prognose für diesen Bereich ist noch pessimistischer als für die beiden vorherigen Bereiche. Zu 50 Prozent sieht sie ein Szenario kommen, in dem Nachrichten noch schneller verbreitet würden und Journalisten genauso viel damit verbringen müssten, Falschmeldungen zu korrigieren als für die eigentliche Recherche vor der Veröffentlichung einer Nachricht. Das Vertrauen in die Medien würde erodieren. Regionale Splinternets sieht sie kommen, so dass Facebook und Google viel investieren müssten, um regionale Systeme zu entwickeln.

Für genauso wahrscheinlich hält Webb ein dramatisches Szenario, in dem hauptsächlich maschinell generierte Nachrichten, die auf Gefühlen und ungenauen Informationen verbreitet würden. Traditionelle Medienunternehmen würde es kaum oder gar nicht mehr geben. In diesem Szenario würden flächendeckende Falschinfomationskampagnen realistisch, die demokratiebedrohend wären.

Viel besser wäre ein Szenario, in dem Medienunternehmen zusammen auf Verifizierung und Transparenz bestehen würden, um eine nachhaltige Basis für die ganze Nachrichtenindustrie zu legen. Webb sieht dazu in der Blockchaintechnologie Potenzial für Nachrichten und Informationsaustausch. In diesem Szenario wären Splinternets kein Thema, sondern ein freies World Wide Web, das einer informierten Gesellschaft zugutekäme. Das scheint aktuell unmöglich.

Welche Zukunft wollen wir? Gestalten wir sie mit!

Neun Unternehmen aus wenigen Ländern kontrollieren laut Webb die Zukunft von Artificial Intelligence und Conversational Interfaces: Tencent, Baidu und Alibaba aus China sowie Amazon, Google, Microsoft, Apple, Facebook und IBM aus den USA. Mit den Szenarios im Kopf kontrollieren diese neun Unternehmen für Amy Webb nicht weniger als die Zukunft der Menschheit. Wollen wir sie allein darüber entscheiden lassen? Müssen wir uns als Medienmacher und Medienmöglichmacher nicht viel stärker mit unserer Rolle im Hinblick auf diesen technologischen Fortschritt beschäftigen? Stattdessen bewegen wir uns gerne in unserem Mikrokosmos. Zu häufig versuchen wir, unsere bisherigen Produkte ein bisschen digitaler zu machen und zu verkaufen. Das haben wir schließlich immer so gemacht.

Wann fangen wir an, Produkte komplett neu zu denken und orientieren uns dabei an den technologischen Entwicklungen, zukünftigen Trends und an den Bedürfnissen und Nutzungssituationen unserer bisherigen und potenziellen Nutzer? Noch haben wir es selbst in der Hand, in welchem Szenario wir uns in zehn Jahren befinden. Ich möchte, dass es die optimistischen Varianten von Amy Webbs Aussichten werden. Also fangen wir an!

#ijf17: Wie User-Engagment Journalisten beim Geld verdienen helfen kann

Es ging los mit einer Standpauke: „Wir Journalisten sind arrogant gegenüber Lesern und neuen Playern im Journalismus.“ Die These stammt von Lina Timm, der Leiterin des Media.Lab Bayern, aufgeworfen bei einer Diskussion über die Frage, ob Trump gut für den Journalismus sei. Der US-Präsident war das dominierende Thema des International Journalism Festival in Perugia. Vom 5. bis zum 9. April haben sich tausende Medienschaffende in der kleinen Stadt in Umbrien in der Mitte Italiens getroffen. Die größte europäische Journalismus-Veranstaltung brachte über 600 Speaker in über 250 verschiedenen Panels zusammen.

Lina Timm sagte, sie störe die Arbeitsweise, als Journalist zu sagen, „ich finde das Thema wichtig, daher habt ihr meinen Text bitte zu lesen“. Ihre Forderung: Endlich lernen, wie Startups zu denken. Das bedeute, zunächst ein Problem zu identifizieren, um dann eine Lösung dafür zu finden. Jeff Jarvis, Journalismus-Professor an der City University New York, rechtfertigte: „Früher hatten wir nicht die Werkzeuge, um Communities zuzuhören. Um zunächst ihre Bedürfnisse und Ziele zu verstehen und ihnen danach Journalismus zu geben.“

Public-Powered-Journalism als Chance für den Lokaljournalismus

Die Werkzeuge dafür, um Journalisten und ihr Publikum näher zusammen zu bringen, haben Jennifer Brandel vom US-Startup Hearken und Greg Barber von der Washington Post im Angebot. Beide möchten mit ihrer Software (Hearken und Coral Project) dazu beitragen, dass Journalisten das Publikum stärker in den journalistischen Prozess einbeziehen. Gerade für den Lokaljournalismus sei der „Public-Powered-Journalism“ laut Brandel eine Chance.

Story Cycle
Copyright: Jennifer Brandel, http://www.wearehearken.com

Für Brandel gehöre dazu, regelmäßig Partizipationsmöglichkeiten zu schaffen und Nutzer-Engagement wertzuschätzen. Um nachhaltig zu profitieren, müsse das Publikum genau sehen können, wie seine Mitwirkung die journalistische Arbeit beinflusst. Barber hob hervor, dass es nicht reiche, Partizipationsmöglichkeiten auf die Webseite zu setzen und zu hoffen, dass Nutzer sie anklicken und interagieren, sagt Greg Barber: „Um einen wirklichen wirtschaftlichen Vorteil von User-Engagement zu sehen, braucht es eine klare Strategie.“

„Weder Nische noch Skalierung funktionieren nachhaltig lokal“

Die Ausgangslage sei zwar schwierig, aber nicht hoffnungslos, sagte Rasmus Nielsen, Direktor des Reuters Instituts für Journalismusforschung in Oxford. „Facebook und Google haben lokale Werbung unglaublich effizient gemacht und erreichen auch in diesem Markt mehr Menschen, als eine Zeitung je erreicht hat.“ Er glaubt nicht an die derzeitigen digitalen Geschäftsmodelle im Journalismus: „Weder Nische noch Skalierung funktionieren nachhaltig lokal.“ Er fordert eine Rückbesinngung auf das, was lokaler Journalismus eigentlich meine. Lokale Medien sollten sich fragen, welche Probleme der Gesellschaft sie lösen würden und sich darauf reduzieren – und nicht jeden Tag eine beliebige Anzahl an Content-Items veröffentlichen. „Bringing people together“, das sei der Business Case von Lokalzeitungen – das, was sie als einzige oder am besten könnten. Ihr entscheidender Vorteil: „Sie bewegen sich in der lokalen Gemeinschaft, mit der sich Menschen identifizieren.“

De Correspondent: Mit 300 Euro zu 18.000 zahlenden Nutzern

Komplett auf die Leser setzt das niederländische Startup De Correspondent, das gerade in die USA expandiert. De Correspondent bittet seine Leser jedoch nicht nur um Geld, sondern auch nach ihrem Wissen – und bezieht sie so auf nahe und persönliche Weise ihre Artikel ein. „Das ist besser, als den Lesern zu sagen, bitte bezahlt uns, weil wir eine Nachrichtenseite sind“, sagte Mitgründer Ernst-Jan Pfauth. Eine harte Paywall hat De Correspondent nicht. „Wenn du als Leser etwas spannendes entdeckst, was dich betrifft und dir wichtig ist, dann ergibt eine Paywall keinen Sinn. Du willst den Text ja deinen Freunden zeigen“, so Pfauth weiter. De Correspondent – Leser können daher Artikel teilen, der neue Leser allerdings nur den einen lesen, dessen Link er bekommen hat. Mit dieser Strategie haben die Niederländer mit einem Marketing-Budget von 300 Euro 18.000 zahlende Nutzer generiert. Der Schlüssel dazu: Vertrauen durch Transparenz. So haben die Journalisten von De Correspondent beispielsweise einen eigenen Newsletter, der wie ein offenes Notizbuch funktioniert.

Facebook hat den Lokaljournalismus auf der Agenda

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Adam Mosseri (VP of Product for News Feed, Facebook) erklärt, wie sein Produkt funkioniert

Den Journalismus hat sich auch Facebook auf die Agenda für dieses Jahr gesetzt. Das soziale Netzwerk, das als Hauptsponsor des Festivals auftrat, möchte 2017 als Partner von Medien in drei Bereichen voran kommen: Storyformate, Lokalnachrichten und Monetarisierung. Insbesondere der Lokaljournalismus scheint im Silicon Valley eine Rolle zu spielen. Der VP of Product for News Feed, Adam Mosseri, erklärte: „Facebook möchte dabei helfen, lokale Quellen zu identifizieren und zu nutzen. Wir wollen Möglichkeiten bieten, aktive lokale Communities zu schaffen.“

Solutions Journalism: Berichterstattung darüber, wie Menschen auf soziale Probleme reagieren

Zurück zu Lina Timm und dem Startup-Denken (1. Find a Problem, 2. Find a Solution). Auf das Finden von Lösungen konzentrieren sich Tina Rosenberg von der New York Times und Ulrik Haagerup, Chefredakteur des Dänischen Rundfunks. Sie wollen Solutions Journalism oder Constructive News stärker in den Fokus von Redaktionen rücken. Rosenberg meint damit „rigorose Berichterstattung darüber, wie Menschen auf soziale Probleme reagieren.“ Dieser Ansatz führe nach einer Studie der University of Texas dazu, dass Leser deutlich mehr Artikel lesen würden. „Journalismus ist ein Feedback-Mechanismus“, sagte Ulrik Haagerup. „Wenn wir andere Fragen stellen, bekommen wir auch andere Antworten – und verändern die Nachrichten.“ Trump, sagte er, hätten die Medien mit ihrer Business-School-Logik selbst erschaffen: „Sie haben ihn übermäßig häufig dargestellt, weil er polarisiert und unterhaltsam ist.“ Um die Nachrichtenkultur der schlechten Nachrichten, der Emotionalität oder des Polarisierens zu ändern, gibt Haagerup seinen Chefsessel auf. Er gründet in Aarhus einen neuen Studiengang.

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Ulrik Haagerup (links) über konstruktiven Journalismus

Eine neue Plattform für digitalen Lokaljournalismus

Die Medienbranche ist in digitaler Aufbruchstimmung. Mit einigen Jahren Verspätung wird fleißig experimentiert in deutschen Redaktionen. Die einen entdecken die junge Zielgruppe für sich und gründen virale Ableger, andere holen sich Teams für Datenjournalismus oder Storytelling ins Haus und warten mit aufwändigen multimedialen Projekten auf.

Beides ist erfolgversprechend: Mit Angeboten wie bento oder ze.tt lässt sich schnelles Geld verdienen, ohne den dafür typischen journalistischen Stil („Wie Pandababys den Frühjahrsputz boykottieren“) zu nah an die Kernmarke zu rücken. Spezialisten wie das Interaktiv-Team der Berliner Morgenpost sorgen mit ihren neuen Wegen im Storytelling für bundesweite Aufmerksamkeit. Das tut gut.

Nicht nur mit eigenen Angeboten experimentieren deutsche Medienhäuser, sondern auch mit der Verfügbarkeit ihrer Inhalte auf externen Plattformen. Der neueste die Branche beschäftigende Trend ist ein kleiner Geist namens Snapchat. Diese Entwicklung kommt einer Zäsur gleich. Medienmarken müssen mit ihren Inhalten dorthin, wo sich das Publikum befindet. Der Gedanke, Leser würden schon von alleine auf die Internetseite klicken oder gar zum Kiosk gehen, wirkt nicht erst seit Kurzem antiquiert.

Verlage werden zu Publishern für Social-Media-Plattformen

Plattformen wie Snapchat oder Facebook bedeuten noch viel mehr: Sie zwingen Medienschaffende dazu, ihre Inhalte an die Gegebenheiten des Netzwerks anzupassen. Player wie Facebook, Snapchat oder Google geben innovative Darstellungsformen vor, in dem sie die Infrastruktur für 360-Grad-Videos, Instant Articles oder sich selbst löschende Bilder vorgeben oder mit Bots und künstlicher Intelligenz experimentieren.

Das bietet Raum für neue Contentanbieter – zum Beispiel NowThis, ein Publisher ohne eigene Webseite, der kurze Newsvideos auf Social-Media-Plattformen anbietet und damit in erster Linie mobile Nutzer anspricht. Homeless Media hat der AP-Stratege Francesco Marconi diese Entwicklung genannt. Er fragt sich, ob es sich durch den wachsenden Medienkonsum auf Drittanbieterplattformen für Medienunternehmen noch lohnt, Geld und Personal in eigene Webseiten und Apps zu stecken.

Diese wachsende Abhängigkeit von Drittanbietern, vor allem von Facebook, ist kein schleichender Prozess mehr. Sie geben nun die Rahmenbedingungen vor und machen Medienmarken zu beliebigen Publishern. Emily Bell vom Tow Center for Digital Journalism an der Columbia Journalism School warnt: „Facebook frisst die Welt.” Verlage würden die Kontrolle abgeben, über die Beziehungen zum Leser, Werbeeinnahmen sowie den Weg, auf dem Inhalte zu Lesern finden würden.

Medienhäuser müssen sich fragen, ob sie vollends zum Content-Produzenten für amerikanische Plattformen und damit abhängig von deren Entwicklung werden möchten. Wollen sie das nicht, erfordert das ein neues Verständnis der eigenen Existenzberechtigung. Sie müssen sich mehr als Technologiekonzern begreifen, Journalisten müssen enger mit Programmierern zusammenarbeiten. Ein Rat, der sich in zahllosen Beiträgen zur Zukunft des Journalismus wiederfindet.

Vielleicht müssen wir noch weiterdenken. Vielleicht müssen uns noch stärker mit der Frage auseinandersetzen, was Digitalisierung wirklich meint, welche Möglichkeiten und Herausforderungen sie zu den bereits genannten bietet. Wie können wir sie für uns nutzen? Das Eine ist die Entkoppelung der Inhalte – das Andere sind die individuellen Austauschmöglichkeiten. Massenmedien gibt es nicht mehr.

Wir wollen die Plattform für lokalen Austausch aufbauen

Die Lokalzeitung begriff sich einmal als das Forum der Stadt. Bei einem Blick in die Kommentarspalten diverser Onlinenachrichtenseiten wird deutlich, dass es uns Medienschaffenden nicht gelungen ist, dieses Forum zufriedenstellend in den digitalen Raum zu transportieren. Die Menschen tauschen sich dennoch aus – in sozialen Medien, allen voran Facebook. Eine Plattform, die die Welt vernetzen möchte und auf der gerade der Lokaljournalismus höchstens ein wenig mitspielen darf.

Warum bauen wir uns nicht einfach selbst die Plattform? In Deutschland ist die Lücke dafür noch da. Ein Facebook für das Lokale, wie das amerikanische Nextdoor, gibt es hier noch nicht. Stellen wir uns vor, es gebe ein lokales Netzwerk, in dem Menschen die Möglichkeit haben, das auszutauschen, was sie wissen. In dem Vereine über ihre neuesten Aktivitäten berichten, kritische Bürger Fragen aufwerfen, öffentliche Stellen wie Polizei, Feuerwehr, Städte und Gemeinden direkt mit ihren Bürgern kommunizieren können, ohne dass ein Mittler gebraucht wird – wie vor der Digitalisierung die Tageszeitung.

Ein Netzwerk, in dem Journalismus da einsetzt, wo der freie Austausch ungeprüfter Informationen nicht ausreicht. Journalismus, der an den Informationsbedürfnissen seines Publikums andockt, die Journalisten im Netzwerk identifizieren können. Denn offenbar lässt sich digital kein Produkt verkaufen, in dem frei verfügbare Informationen gebündelt werden.

Jeff Jarvis rät dazu, genauer über die Aufgaben von Journalisten nachzudenken. Ist es unsere Aufgabe, ein Produkt namens „Content“ zu produzieren? Jarvis sagt, diese Vorstellung motiviere uns, um dieses Produkt herum Paywalls aufzubauen und dafür Geld zu verlangen – schließlich habe man schon immer dafür bezahlt. In diesem Prozess würden sich  Journalisten gern vom Publikum isolieren, in dem sie ihren Artikel schreiben und dann weiter zum nächsten Thema gehen. Ich glaube, er hat recht.

Social Journalism
Einerseits besitzen wir Journalisten gar keine Hoheit mehr über den Content – andererseits bietet die Zusammenarbeit mit dem Publikum Potential für einen besseren Journalismus. Einen Journalismus, der das Wissen einer Community durch Fragen ergänzt, die noch nicht gestellt und beantwortet wurden, der Fachwissen und Vertrauenswürdigkeit mit in die Diskussion einbringt, der Fakten prüft und Gerüchte entlarvt. Ein serviceorientierter Journalismus, der Nachrichten als Gespräch begreift – lokal, sozial, digital. Denn guter Journalismus kann nicht mit bloß mit dem Grad der Aufmerksamkeit gemessen werden. Erfolg im Lokalen haben diejenigen, die nachhaltige Beziehungen zu ihren Nutzern aufbauen.

Das Medienhaus Neue Westfälische und das Startup Lokalportal

Daran arbeiten wir im Medienhaus Neue Westfälische in Ostwestfalen und haben uns dafür Verstärkung geholt. Seit April ist die Neue Westfälische am digitalen Nachbarschaftsnetzwerk Lokalportal beteiligt. Gemeinsam arbeiten wir an der Vision, das Leben vor Ort besser zu machen. Wir glauben, dass Lokalportal die Chance hat, die Plattform für lokalen Austausch zu werden. Ein digitales Nachrichtenökosystem, in dem wir zwar Kontrolle abgeben, aber auch wiederbekommen. In dem wir darüber nachdenken, in welchen Formen Journalismus stattfinden kann. Nutzen wir diese Chance. Auch wenn das Geduld, Experimente, Lernfähigkeit und eine offene Fehlerkultur bedeutet.

Ich sehe ein reines Nachbarschaftsnetzwerk nicht als sehr erfolgversprechend an. Wenn Sie einmal wissen, wer in ihrer Nachbarschaft eine Bohrmaschine hat, brauchen Sie das Netzwerk nicht mehr. Die Kombination des Netzwerks und seiner Technologie mit lokalem Journalismus ist hoch spannend. Denn Menschen brauchen Journalismus.

Mehr über Lokalportal und unseren gemeinsamen Weg verrate ich als verantwortlicher Produktmanager in einer Keynote am 6./7. Juni bei den PPI-Kundentagen in Kiel.

Warum Regionalzeitungen harte Zeiten bevorstehen

Warum Regionalzeitungen harte Zeiten bevorstehen: Über die geringe Innovationsfreude von Tageszeitungen und die veralteten Denkmuster von Chefredakteuren. Was ein erfolgreiches digitales Medienprodukt braucht.

Heute morgen im Bett habe ich wie jeden Tag meine Regionalzeitung gelesen und mich darüber informiert, was so in der Welt los ist. Ach nee, ist ja Sonntag. Da gibt es gar keine Zeitung. Ach nee, und selbst wenn, ich habe ja auch gar keine abonniert. Wie jeden Tag habe ich natürlich auch heute morgen mein Smartphone gegriffen, bin durch Twitter und Facebook gescrollt und habe hier und da auf einen Artikel geklickt. Durch die digitale Filterbubble kommt mein erster Nachrichtenschwall des Tages.

E-Paper sind Oldschool

Gut, es ist vielleicht nicht so super, ausschließlich darauf zu vertrauen, was die Algorithmen von Facebook und Twitter so als wichtig erachten. Darum checke ich meist auch noch eine oder zwei Apps meines Vertrauens und schaue bei den Internetseiten der Regionalzeitungen vorbei, die mich interessieren. Apps haben die leider nicht, also zumindest keine Apps, die ich als eigenständiges Produkt durchgehen lassen würde. Es gibt höchstens E-Paper-Apps. Ein E-Paper hat mich auch dazu gebracht, jetzt hier diesen Blogeintrag zu schreiben. Zu viel geht mir durch den Kopf, seitdem ich wieder aus den USA nach Deutschland gekommen bin, zu viel Begeisterung über neue innovative journalistische Produkte, die in den letzten Wochen ein jähes Ende fand. Denn auf der Internetseite einer Lokalzeitung stand: In eigener Sache – ePaper am Sonntag kostenlos freigeschaltet.

E-Paper? Habt ihr schon mal versucht, ein E-Paper auf dem Smartphone zu lesen? Selbst auf dem Computerbildschirm ist das schon eine Zumutung. Kann es wirklich sein, dass denen nicht mehr einfällt? Wo ist es, das tolle digitale Produkt, das wirklich etwas neues ist, und nicht der Versuch, eine Tageszeitung 1:1 in ein kleines Handy zu pressen? Wo ist das Produkt, das auf die heutigen Mediennutzungsgewohnheiten eingeht und nicht so altbacken daher kommt, wie eine Tageszeitung die sich seit Jahrzehnten kaum verändert hat? In den Regionen die mich interessieren gibt es das leider nicht.

Zeitungen sollten sich auf ihre Kernkompetenz konzentrieren

Warum eigentlich nicht? In den letzten Monaten habe ich mich mit den Machern zweier Regionalzeitungen getroffen. Eine App zum Beispiel würde sich nicht lohnen, sagte mir die Online-Projektmanagerin der ersten Zeitung. Wenn ich mir aktuelle Studien anschaue, habe ich eher das Gefühl, dass sich Regionalzeitungen in ihrer derzeitigen Form bald nicht mehr lohnen werden. Zum einen weil sie inhaltlich nicht mehr gut genug sind und ich das Gefühl habe, dass viele (alte) Menschen sie lediglich aus Gewohnheit noch abonniert haben. Zum anderen weil das Produkt „Aktuelle Tageszeitung“ einfach ausgedient hat. Es ist unpraktisch, einen mindestens einen Meter breiten Papierwust vor sich ausbreiten zu müssen, der die Nachrichten von gestern enthält. Da hätte ich morgens auch gar keine Zeit oder noch eher keine Lust zu. Eher aufzustehen um Zeitung zu lesen ist nicht so mein Ding. Und in der Bahn auf dem Weg zur Uni kann man gleich vergessen eine Zeitung zu lesen. Doch es ist noch etwas anderes, was die Tageszeitung in ihrer derzeitigen Form nicht gerade zukunftsfähig macht: Sie ist wie ein Gemischtwarenladen. Medienberater Thomas Baekdal hat das wie folgt beschrieben:

„They are based on a business model that only makes sense to a mass-market, but not to the individual. This is not a winning strategy. Yes, it used to work in the old days of media, but that was as a result of scarcity.“

Er vergleicht Zeitungen mit Einkaufsläden. Die Tageszeitung sei in dem Fall ein Laden wie Walmart, der von vielem etwas hat und am leichtesten zu erreichen ist. Früher war die Tageszeitung neben der Tagesschau wohl das Hauptinformationsmedium. Sie hatte alles, lokal, national, international. Heute kann man Nachrichten verschiedener Quellen völlig einfach konsumieren. Quellen, die spezialisiert auf eine bestimmte Nische sind. Ich lese Vox.com, wenn ich große Themen gut erklärt bekommen möchte, BuzzFeed, wenn ich unterhalten werden möchte, Kompakt, wenn ich einen Überblick bekommen möchte. Warum ich Kompakt liebe, erkläre ich gleich noch. Ein regionales Medium möchte ich lesen, wenn ich regionale Infos möchte. Aber nicht in der Zeitung. Geht mit meiner Heimatregion auch schlecht, da ich mittlerweile in Hamburg wohne. Doch zurück zum Einkaufsladenbeispiel. Baekdal spricht davon, dass jeder Artikel dort kaum Wert habe, doch als Ganzes es immer einen gewissen Prozentsatz des Angebots gebe, der interessant sei. Er schlussfolgert, dass Menschen keine große Verbindung zu derartigen Supermärkten hätten. Sie seien schlichtweg nicht begeisternd. Das hingegen sind laut Baekdal Unternehmen wie Apple, Nike oder Starbucks. Deren Unterschied zu Walmart: Sie bedienen eine Nische. Offline ist es schwer, verschiedene Marken abzuklappern, darum ist ein Supermarkt meist praktischer. Online ist das alles aber nur einen Klick weit entfernt. Deshalb setzt sich da die Qualität der Nische durch. Das bessere Nischenprodukt ist genauso leicht zu erreichen wie der Supermarkt, nämlich durch Links und Social Media.

„Social Media ist Kinderkram und hat nichts mit Journalismus zu tun“

Social Media sei allerdings Kinderkram, ein neumodischer Trend den keiner brauche. Das habe nichts mit Journalismus zu tun. Das sagte mir der Chefredakteur der zweiten Zeitung. Die gedruckte Zeitung sei schließlich so richtig nah dran am Leser. Auf der Internetseite werde daher bewusst reduziert und nicht alles kostenlos online gestellt. Stattdessen werde ich bei einigen Artikeln darauf hingewiesen, dass ich „mehr“, ja „in der morgigen Ausgabe“ meiner Regionalzeitung lesen könne. Läuft denn ernsthaft jemand am nächsten Tag zum Kiosk, weil ihn jetzt gerade in diesem Moment ein Thema interessiert? In der Welt dieses Chefredakteurs schon: „Wenn das Thema gut ist und gut geschrieben, dann kaufen die Leute das. Sowas lesen sie bis zum Ende.“ Gegenfrage: „Woher wissen Sie das?“ Antwort: „Ähm ja, das glaube ich.“ Davon, dass Social Media und damit einfachere Partizipationsmöglichkeiten Journalismus zudem bereichern können, konnte ich ihn leider auch nicht überzeugen. (Wie das geht, habe ich hier beschrieben.) Stattdessen bekam ich die Frage gestellt, ob es nicht ein Armutszeugnis sei, wenn die Süddeutsche nun ihre Leser fragt, worüber sie berichten soll. Der Journalist müsse das doch schließlich wissen.

Ich will nicht sagen, dass sich gar nichts bei regionalen Zeitungsverlagen tut. Die erste Zeitung bastelt gerade an einer neuen Internetseite und möchte auch die gedruckte Zeitung inhaltlich verändern. Ich bin gespannt, wie das aussehen wird. Deren Online-Projektmanagerin berichtete mir jedoch von der Schwierigkeit, die Redaktion dafür zu begeistern. Es gebe nun einmal die altgedienten Printredakteure und die jungen Onliner. Die Herausforderungen liegen also vor allem im Change Management. Doch der Fisch stinkt vom Kopf, wie man am Beispiel der anderen Zeitung sehen kann. Ein weiteres Beispiel dafür ist die gerade in Köln neu gestartete Zeitung XTRA. Ich musste es zweimal lesen, aber ja, es startet tatsächlich noch jemand eine Tageszeitung, um „Menschen zwischen 19 und 39 Jahren“ zu erreichen. Es ist nicht schwer, herauszufinden wie diese Zielgruppe ihre Nachrichten konsumiert. Mit einer Zeitung, in der das Internet ausegdruckt ist, jedenfalls nicht. Wenn sie dann auch noch schlecht gemacht ist, erst recht nicht. Da hätte DuMont Schauberg das Geld besser zum Fenster herauswerfen können. Dann hätten es vielleicht noch Obdachlose aufgesammelt. Doch immerhin. DuMont Schauberg experimentiert wenigstens.

Scoopcamp: Amerikanischer Optimismus vs. deutscher Pessimismus

Die Offline-Denke diverser Medienmacher zeigt sich auch auf tollen Veranstaltungen wie beispielsweise dem Hamburger Scoopcamp. Dort hatten amerikanische Medienmacher gezeigt, wo die Reise hingeht. Storify-Gründer Burt Herman beschrieb, wie er mit Storify den Journalismus wieder so sexy wie Facebook machen wollte. Seine fünf Schlüsselpunkte für Medienmacher:

  1. Open Source – open sourcing journalism
  2. Social Media – telling stories by&for small communities
  3. Data – find the stories in the vast amount of data
  4. Personalization – local news, and news personalized for one individual person
  5. New Devices – responsive thinking is just an intermediate step. When & where does someone need the info?

Jigar Mehta (AJ+) und Ken Schwencke (NYTimes) gaben in ihren Vorträgen ähnliche Impulse. Doch in den Diskussionsrunden ist mir ein Unterschied aufgefallen, den ich schon während meiner Zeit in den USA ausgemacht hatte: Die Amerikaner gehen mit Experimentierfreude und Optimismus ran, in Deutschland herrschen hingegen Pessimismus und Einwände, warum etwas nicht funktionieren könne oder weshalb man es nicht brauche. Ist das ein Kulturproblem?

Wie man ein tolles Produkt machen kann

Es ist natürlich auch nicht alles schlecht. Zapp hat gerade gezeigt, dass es auch Wege gibt, eine tolle Zeitung zu machen. In Norwegen gibt es Lokalzeitungen, die dreimal wöchtentlich erscheinen und magazinig gemacht sind. Es mache mehr Sinn, drei Mal in der Woche eine richtig tolle Zeitung zu machen, als sechsmal wöchentlich eine schlechte, so ein norwegischer Chefredakteur in dem Beitrag:

 

Auch in Deutschland tut sich immerhin etwas. Die Stuttgarter Zeitung hat kürzlich die App S-Vibe gestartet, die einen personalisierbaren Nachrichtenstream bietet und keine Ressorts hat. Einziger Kritikpunkt: Sie bedient sich an den Inhalten der Homepage, die kein spezielles Storytelling für Mobilgeräte haben. Das hingegen hat Kompakt, die neue App von Axel Springer. Die App finde ich derzeit am gelungensten.

Der mit dem Zug fährt

Amerika mit dem Zug erleben: Nach meinem Studium in Missouri bin ich mit dem Empire Builder auf Pionierspuren von Chicago über Glacier, Montana, bis nach Seattle. Nach einem Tag dort geht es mit dem Coast Starlight die Pazifikküste herunter bis nach San Francisco.

Amerika mit dem Zug erleben: Nach meinem Studium in Missouri bin ich mit dem Empire Builder auf Pionierspuren von Chicago über Glacier, Montana, bis nach Seattle. Nach einem Tag dort geht es mit dem Coast Starlight die Pazifikküste herunter bis nach San Francisco.

Vor mir liegt die wohl verrückteste Reise, die ich bisher in meinem Leben gemacht habe. Insgesamt liegen bis San Francisco mehr als 2800 Meilen Zugstrecke vor mir. Ich bin in der Union Station von Chicago. Dort läuft es ab wie am Flughafen. Das Gepäck wird eingecheckt, es darf kein Gramm mehr als 23 kg wiegen. Mein Koffer bringt 23,6 kg auf die Waage, ich muss etwas heraus nehmen. Bepackt mit Rucksack, Laptoptasche und einer Plastiktüte voll Snacks warte ich nun und beobachte meine Mitreisenden. Im Hintergrund läuft ein Video mit Sicherheitsanweisungen in Dauerschleife. Der Wartebereich des Bahnhofs ähnelt dem eines Flughafens, alles hat hier seine Ordnung. Eineinhalbstunden später beginnt das Boarding und ich stehe von dem größten Passagierzug, den ich bisher gesehen habe. Ich solle zu Eingang sechs gehen, bekomme ich gesagt. Wie gesagt, alles hat seine Ordnung. Dort angekommen muss ich warten, bis einige ältere Herrschaften mit Rollator den Zug bestiegen haben. Ich gehe nach oben, wo ich die freie Auswahl habe. Mit Zügen der Deutschen Bahn ist das Abteil des Empire Builders kaum zu vergleichen. Amtraks wohl berühmtester Zug bietet breite und bequeme Sitze mit einer unfassbaren Beinfreiheit. Ich muss meine Beine schon richtig ausstrecken, um den Vordersitz zu berühren. Ich entscheide mich für eine Sitzreihe auf der rechten Seite. Dort hoffe ich, mehr zu sehen. Die Bergketten türmen sich schließlich im Norden auf, denke ich. Das Großraumabteil füllt sich. Im vorderen Bereich sitzen Paare und Gruppenreisende, hinten Alleinreisende. Natürlich, der Ordnung wegen. Soll wohl dann später mit dem Platzzuweisen einfacher sein. Ich freue mich, dass ich meine Sitzreihe zunächst für mich allein habe. Der Zug setzt sich in Bewegung. Mindestens 30 Stunden bin ich drin, bis ich im Glacier National Park in Montana aussteige. Hinter mir höre ich vereinzelt deutsche Wortfetzen. Eine Großfamilie Amish People sitzt hinter mir. In einem Gemisch aus Englisch und altertümlichen Deutsch unterhalten sie sich. Eine Mitreisende fragt, wo sie hinwollen: Nach La Crosse, Wisconsin, zu einer Hochzeit. Sie wären schon einen Tag unterwegs gewesen, von Pennsylvania würde es eine Weile dauern. Andere Fahrgäste machen sich über ihr Outfit lustig. Alle tragen Dunkelblau oder Dunkelgrün. Die Männer Hemd, Hose und Reisehut, die Frauen ein altertümliches Kleid, das bis oben hin zugeknöpft ist. Dazu eine Kopfhaube die sie wie Nonnen aussehen lässt. Sie haben ein Baby dabei, na das kann ja heiter werden, denke ich. Es sollte sich aber herausstellen, dass das Baby äußerst ruhig und diszipliniert ist. Ich empfinde Respekt dafür, dass die Amish sich wenig anpassen und weiterhin nach ihren Traditionen leben. Zumindest fahren sie Zug. Die Zugbegleiterin checkt die Tickets. Jeder Fahrgast bekommt einen Zettel mit seinem Reiseziel über den Sitz gepinnt. GPK steht auf meinem. Es muss ja alles ordentlich sein. Die Zugbegleiterin sagt mir noch, wie schön es gerade da oben in Montana sei und wünscht mir viel Spaß.

2014-05-20 16.20.48

Der Weg ist das Ziel

Nach ein paar Stunden, irgendwo in Wisconsin hinter Montana steigt Jeremy ein und setzt sich neben mich. Er hat gerade sein erstes Studienjahr in Madison, Wisconsin hinter sich gebracht und vertreibt sich und mir die Zeit mit etwas Smalltalk über den American Way of Life. Zwischendurch kommt eine andere Zugbegleiterin um Reservierungen für das Abendessen entgegen zu nehmen. Ohne geht nichts. Im Speisewagen komme ich mir vor wie bei einem Blinddate. Zunächst werde ich angeraunzt, dass ich doch noch gar nicht aufgerufen worden sei, mein Essenstermin sei doch erst in 5 Minuten. Ich darf mich trotzdem schon setzen. Die Aufrufe sind im Abteil auch nicht zu hören gewesen, das ging nicht nur mir so. Ich bekomme eine Dame mittleren Alters gegenüber gesetzt. „Where are you from?“ „Germany, but I’ve been studying in Missouri.“ „Oh, ich komme aus Essen. Aber lass uns Englisch reden, ist einfacher für mich“, sagt sie. So kann’s gehen. Sie wohnt schon lange in Nashville, Tennessee und macht jetzt eine Reise nach Seattle. Fragt mich, ob ich ein Buch schon gelesen hätte, es sei ähnlich geschrieben wie Thomas Manns werke. Oh nein, ich habe jetzt wenig Lust auf hochintellektuelle Literaturkritik. Dazu bin ich zu müde. Die Nacht in Chicago konnte ich auf dem Sofa bei einem anderen Fulbrighter doch nicht gut schlafen. Mittlerweile sind zwei weitere Frauen an meinen Tisch gesetzt worden. Wir unterhalten uns über dies und das. Alltägliche Probleme, Zukunft der Medien, Kinder und Enkelkinder. Okay, da kann ich nicht mitreden. Ich bestelle lieber was zu Essen. Das ist zwar frischgekocht, stellt sich aber dennoch als überteuert heraus. Wenigstens kann man aus dem Speisewagen den Sonnenuntergang am Mississippi beobachten. Wir begleiten den Fluss etwa eine halbe Stunde lang. Zurück an meinem Platz unterhalte ich mich wieder mit Jeremy, das ist doch etwas angenehmer als mit Frauen Mitte 40. Irgendwann erreichen wir Minneapolis, mit etwa zwei Stunden Verspätung. Jeremy steigt aus. Er besucht Verwandte bevor er nach Hause nach Kalifornien fliegt. Die Verspätung ist völlig normal bei Amtrak, vor Allem bei dieser Strecke. Die Schienen gehören verschiedenen Bahnunternehmen, die lieber Frachtzüge darauf fahren lassen. Das bringt schließlich mehr Geld. So tuckeln wir mal mit 40 und mal mit 80 Meilen die Stunde vor uns hin, manchmal müssen wir anhalten. Das ist den meisten Reisenden und mir aber ziemlich egal. Keiner aus meinem Wagen beschwert sich oder fragt nach. In diesem Zug ist der Weg das Ziel. Jeremy sagte, er liebe das Grüne draußen.

2014-05-21 11.40.27

Froh, dabei zu sein

Die Nacht bricht herein. Ich versuche in verschiedensten Positionen auf meinen zwei Sitzen zu schlafen. Zum Glück gibt es ein Hochklappding für die Beine. Jetzt habe ich einen Riesensitz als Bett. Schlafen klappt sogar ganz gut, ich wache nur zweimal auf. Einmal wegen eines Albtraums: Ein Tornado hat den Zug getroffen und gestoppt. Ich wache von der Zugansage auf. Glücklicherweise haben wir schönes Wetter, es sind keine Tornados in der Nähe. Das hätte auch noch gefehlt. Es ist Morgengrauen und wir sind in Fargo, North Dakota. Aus dem Fenster sehe ich nur Grasland um mich herum. Ich beschließe, doch noch einmal einzuschlafen. Das Grasland ist auch drei Stunden später noch da. Der Zug muss einen Umweg fahren, weil BNSF, das Bahnunternehmen dem die Schienen gehören, gerade neue verlegt. Die Strecke ist eingleisig. Die Landschaft sieht aus wie bei „Der mit dem Wolf tanzt“. Wann kommt endlich Kevin Costner angeritten? Leider gar nicht. Stattdessen tauchen immer mal wieder Ölförderanlangen auf. Aus North Dakota kommt ein beträchtlicher Anteil des amerikanischen Öls. Die triste Gegend bietet den Amerikanern also doch etwas. Seit Minneapolis gibt es übrigens so gut wie keine Anzeichen von Zivilisation. Die Bahnhöfe die der Zug etwa alle zwei Stunden anfährt sind winzig, genauso wie die Ortschaften drum herum. Das soll wohl bis Seattle so bleiben. Der Zug trötet trotzdem fast ununterbrochen um sich anzukündigen. Fragt sich nur wem, den Tieren etwa? Verschiedenste Vögel und Rinder sehe ich ununterbrochen. Einmal taucht ein Fuchs in meinem Blickfeld auf, der den Zug an sich vorbeifahren sieht. Hin und wieder tauchen verlassene Häuser auf. Autoreste sind auch dabei. Den Leuten wurde es wohl zu öde hier. Ich habe trotzdem gute Laune. Die Sportfreunde Stiller laufen auf meinem iPhone. Dann Philipp Poisel. Er ist „froh, dabei zu sein.“ Das bin ich auch. Ich verstehe nun besser, was der amerikanische Freiheitsbegriff bedeutet. Die Weiten des Landes sind für einen Deutschen wie mich schwer zu begreifen. Am nächsten Bahnhof machen wir eine halbe Stunde Pause. Die beiden Loks müssen aufgetankt werden. Ich kann rausgehen und mir nach der stundenlangen Fahrt das erste Mal die Beine vertreten. Die Zugbegleiterin sagt, mir dass wir etwa zweieinhalb Stunden Verspätung haben. Der Zug würde jetzt aber wohl Verspätung aufholen können. Das wäre gut, denn ich soll und möchte vor Mitternacht in Glacier ankommen. Planmäßig wäre 20:15 Uhr. Das Hotel schrieb mir, ich solle anrufen wenn es nach Mitternacht werden würde. Handyempfang habe ich aber schon seit Milwaukee nicht mehr. Internet gibt es im Zug auch nicht. Mein Handy kann ich nur als Kompass nutzen, die Karte wurde praktischerweise schon vorher geladen. Draußen ist es wärmer als ich dachte. Das Land sieht so aus, als erwache es gerade erst aus einem langen Winter. Kein Wunder, wir sind nach Nordwesten gefahren und befinden uns jetzt nicht weit entfernt von der kanadischen Grenze. In Missouri ist es schon viel grüner. Der Zug fährt weiter. Mittlerweile haben wir Montana erreicht und damit die Mountain Time Zone. Das heißt, ich kann meine Uhr eine Stunde zurück stellen. Es wird hügeliger, aber nur ganz leicht. Ich schaue aus dem Fenster und warte auf Büffel. Irgendwo hier soll ein Wildreservat sein. Häuptling Sitting Bull hat hier im 19. Jahrhundert auch gelebt, steht im Streckenbegleitflyer.

2014-05-21 21.09.55

Glacier: Wilde Wälder und Wasserfälle

Nach gut 36 Stunden Zugfahrt bin ich in East Glacier angekommen. Wie ich den Glacier National Park fand und was ich auf dem Weg nach San Francisco erlebt habe kannst du bald hier lesen!

2014-05-21 19.17.49