Alexander Drößler

Media Entrepreneur


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#ijf17: Wie User-Engagment Journalisten beim Geld verdienen helfen kann

Es ging los mit einer Standpauke: „Wir Journalisten sind arrogant gegenüber Lesern und neuen Playern im Journalismus.“ Die These stammt von Lina Timm, der Leiterin des Media.Lab Bayern, aufgeworfen bei einer Diskussion über die Frage, ob Trump gut für den Journalismus sei. Der US-Präsident war das dominierende Thema des International Journalism Festival in Perugia. Vom 5. bis zum 9. April haben sich tausende Medienschaffende in der kleinen Stadt in Umbrien in der Mitte Italiens getroffen. Die größte europäische Journalismus-Veranstaltung brachte über 600 Speaker in über 250 verschiedenen Panels zusammen.

Lina Timm sagte, sie störe die Arbeitsweise, als Journalist zu sagen, „ich finde das Thema wichtig, daher habt ihr meinen Text bitte zu lesen“. Ihre Forderung: Endlich lernen, wie Startups zu denken. Das bedeute, zunächst ein Problem zu identifizieren, um dann eine Lösung dafür zu finden. Jeff Jarvis, Journalismus-Professor an der City University New York, rechtfertigte: „Früher hatten wir nicht die Werkzeuge, um Communities zuzuhören. Um zunächst ihre Bedürfnisse und Ziele zu verstehen und ihnen danach Journalismus zu geben.“

Public-Powered-Journalism als Chance für den Lokaljournalismus

Die Werkzeuge dafür, um Journalisten und ihr Publikum näher zusammen zu bringen, haben Jennifer Brandel vom US-Startup Hearken und Greg Barber von der Washington Post im Angebot. Beide möchten mit ihrer Software (Hearken und Coral Project) dazu beitragen, dass Journalisten das Publikum stärker in den journalistischen Prozess einbeziehen. Gerade für den Lokaljournalismus sei der „Public-Powered-Journalism“ laut Brandel eine Chance.

Story Cycle

Copyright: Jennifer Brandel, http://www.wearehearken.com

Für Brandel gehöre dazu, regelmäßig Partizipationsmöglichkeiten zu schaffen und Nutzer-Engagement wertzuschätzen. Um nachhaltig zu profitieren, müsse das Publikum genau sehen können, wie seine Mitwirkung die journalistische Arbeit beinflusst. Barber hob hervor, dass es nicht reiche, Partizipationsmöglichkeiten auf die Webseite zu setzen und zu hoffen, dass Nutzer sie anklicken und interagieren, sagt Greg Barber: „Um einen wirklichen wirtschaftlichen Vorteil von User-Engagement zu sehen, braucht es eine klare Strategie.“

„Weder Nische noch Skalierung funktionieren nachhaltig lokal“

Die Ausgangslage sei zwar schwierig, aber nicht hoffnungslos, sagte Rasmus Nielsen, Direktor des Reuters Instituts für Journalismusforschung in Oxford. „Facebook und Google haben lokale Werbung unglaublich effizient gemacht und erreichen auch in diesem Markt mehr Menschen, als eine Zeitung je erreicht hat.“ Er glaubt nicht an die derzeitigen digitalen Geschäftsmodelle im Journalismus: „Weder Nische noch Skalierung funktionieren nachhaltig lokal.“ Er fordert eine Rückbesinngung auf das, was lokaler Journalismus eigentlich meine. Lokale Medien sollten sich fragen, welche Probleme der Gesellschaft sie lösen würden und sich darauf reduzieren – und nicht jeden Tag eine beliebige Anzahl an Content-Items veröffentlichen. „Bringing people together“, das sei der Business Case von Lokalzeitungen – das, was sie als einzige oder am besten könnten. Ihr entscheidender Vorteil: „Sie bewegen sich in der lokalen Gemeinschaft, mit der sich Menschen identifizieren.“

De Correspondent: Mit 300 Euro zu 18.000 zahlenden Nutzern

Komplett auf die Leser setzt das niederländische Startup De Correspondent, das gerade in die USA expandiert. De Correspondent bittet seine Leser jedoch nicht nur um Geld, sondern auch nach ihrem Wissen – und bezieht sie so auf nahe und persönliche Weise ihre Artikel ein. „Das ist besser, als den Lesern zu sagen, bitte bezahlt uns, weil wir eine Nachrichtenseite sind“, sagte Mitgründer Ernst-Jan Pfauth. Eine harte Paywall hat De Correspondent nicht. „Wenn du als Leser etwas spannendes entdeckst, was dich betrifft und dir wichtig ist, dann ergibt eine Paywall keinen Sinn. Du willst den Text ja deinen Freunden zeigen“, so Pfauth weiter. De Correspondent – Leser können daher Artikel teilen, der neue Leser allerdings nur den einen lesen, dessen Link er bekommen hat. Mit dieser Strategie haben die Niederländer mit einem Marketing-Budget von 300 Euro 18.000 zahlende Nutzer generiert. Der Schlüssel dazu: Vertrauen durch Transparenz. So haben die Journalisten von De Correspondent beispielsweise einen eigenen Newsletter, der wie ein offenes Notizbuch funktioniert.

Facebook hat den Lokaljournalismus auf der Agenda

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Adam Mosseri (VP of Product for News Feed, Facebook) erklärt, wie sein Produkt funkioniert

Den Journalismus hat sich auch Facebook auf die Agenda für dieses Jahr gesetzt. Das soziale Netzwerk, das als Hauptsponsor des Festivals auftrat, möchte 2017 als Partner von Medien in drei Bereichen voran kommen: Storyformate, Lokalnachrichten und Monetarisierung. Insbesondere der Lokaljournalismus scheint im Silicon Valley eine Rolle zu spielen. Der VP of Product for News Feed, Adam Mosseri, erklärte: „Facebook möchte dabei helfen, lokale Quellen zu identifizieren und zu nutzen. Wir wollen Möglichkeiten bieten, aktive lokale Communities zu schaffen.“

Solutions Journalism: Berichterstattung darüber, wie Menschen auf soziale Probleme reagieren

Zurück zu Lina Timm und dem Startup-Denken (1. Find a Problem, 2. Find a Solution). Auf das Finden von Lösungen konzentrieren sich Tina Rosenberg von der New York Times und Ulrik Haagerup, Chefredakteur des Dänischen Rundfunks. Sie wollen Solutions Journalism oder Constructive News stärker in den Fokus von Redaktionen rücken. Rosenberg meint damit „rigorose Berichterstattung darüber, wie Menschen auf soziale Probleme reagieren.“ Dieser Ansatz führe nach einer Studie der University of Texas dazu, dass Leser deutlich mehr Artikel lesen würden. „Journalismus ist ein Feedback-Mechanismus“, sagte Ulrik Haagerup. „Wenn wir andere Fragen stellen, bekommen wir auch andere Antworten – und verändern die Nachrichten.“ Trump, sagte er, hätten die Medien mit ihrer Business-School-Logik selbst erschaffen: „Sie haben ihn übermäßig häufig dargestellt, weil er polarisiert und unterhaltsam ist.“ Um die Nachrichtenkultur der schlechten Nachrichten, der Emotionalität oder des Polarisierens zu ändern, gibt Haagerup seinen Chefsessel auf. Er gründet in Aarhus einen neuen Studiengang.

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Ulrik Haagerup (links) über konstruktiven Journalismus

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Eine neue Plattform für digitalen Lokaljournalismus

Die Medienbranche ist in digitaler Aufbruchstimmung. Mit einigen Jahren Verspätung wird fleißig experimentiert in deutschen Redaktionen. Die einen entdecken die junge Zielgruppe für sich und gründen virale Ableger, andere holen sich Teams für Datenjournalismus oder Storytelling ins Haus und warten mit aufwändigen multimedialen Projekten auf.

Beides ist erfolgversprechend: Mit Angeboten wie bento oder ze.tt lässt sich schnelles Geld verdienen, ohne den dafür typischen journalistischen Stil („Wie Pandababys den Frühjahrsputz boykottieren“) zu nah an die Kernmarke zu rücken. Spezialisten wie das Interaktiv-Team der Berliner Morgenpost sorgen mit ihren neuen Wegen im Storytelling für bundesweite Aufmerksamkeit. Das tut gut.

Nicht nur mit eigenen Angeboten experimentieren deutsche Medienhäuser, sondern auch mit der Verfügbarkeit ihrer Inhalte auf externen Plattformen. Der neueste die Branche beschäftigende Trend ist ein kleiner Geist namens Snapchat. Diese Entwicklung kommt einer Zäsur gleich. Medienmarken müssen mit ihren Inhalten dorthin, wo sich das Publikum befindet. Der Gedanke, Leser würden schon von alleine auf die Internetseite klicken oder gar zum Kiosk gehen, wirkt nicht erst seit Kurzem antiquiert.

Verlage werden zu Publishern für Social-Media-Plattformen

Plattformen wie Snapchat oder Facebook bedeuten noch viel mehr: Sie zwingen Medienschaffende dazu, ihre Inhalte an die Gegebenheiten des Netzwerks anzupassen. Player wie Facebook, Snapchat oder Google geben innovative Darstellungsformen vor, in dem sie die Infrastruktur für 360-Grad-Videos, Instant Articles oder sich selbst löschende Bilder vorgeben oder mit Bots und künstlicher Intelligenz experimentieren.

Das bietet Raum für neue Contentanbieter – zum Beispiel NowThis, ein Publisher ohne eigene Webseite, der kurze Newsvideos auf Social-Media-Plattformen anbietet und damit in erster Linie mobile Nutzer anspricht. Homeless Media hat der AP-Stratege Francesco Marconi diese Entwicklung genannt. Er fragt sich, ob es sich durch den wachsenden Medienkonsum auf Drittanbieterplattformen für Medienunternehmen noch lohnt, Geld und Personal in eigene Webseiten und Apps zu stecken.

Diese wachsende Abhängigkeit von Drittanbietern, vor allem von Facebook, ist kein schleichender Prozess mehr. Sie geben nun die Rahmenbedingungen vor und machen Medienmarken zu beliebigen Publishern. Emily Bell vom Tow Center for Digital Journalism an der Columbia Journalism School warnt: „Facebook frisst die Welt.” Verlage würden die Kontrolle abgeben, über die Beziehungen zum Leser, Werbeeinnahmen sowie den Weg, auf dem Inhalte zu Lesern finden würden.

Medienhäuser müssen sich fragen, ob sie vollends zum Content-Produzenten für amerikanische Plattformen und damit abhängig von deren Entwicklung werden möchten. Wollen sie das nicht, erfordert das ein neues Verständnis der eigenen Existenzberechtigung. Sie müssen sich mehr als Technologiekonzern begreifen, Journalisten müssen enger mit Programmierern zusammenarbeiten. Ein Rat, der sich in zahllosen Beiträgen zur Zukunft des Journalismus wiederfindet.

Vielleicht müssen wir noch weiterdenken. Vielleicht müssen uns noch stärker mit der Frage auseinandersetzen, was Digitalisierung wirklich meint, welche Möglichkeiten und Herausforderungen sie zu den bereits genannten bietet. Wie können wir sie für uns nutzen? Das Eine ist die Entkoppelung der Inhalte – das Andere sind die individuellen Austauschmöglichkeiten. Massenmedien gibt es nicht mehr.

Wir wollen die Plattform für lokalen Austausch aufbauen

Die Lokalzeitung begriff sich einmal als das Forum der Stadt. Bei einem Blick in die Kommentarspalten diverser Onlinenachrichtenseiten wird deutlich, dass es uns Medienschaffenden nicht gelungen ist, dieses Forum zufriedenstellend in den digitalen Raum zu transportieren. Die Menschen tauschen sich dennoch aus – in sozialen Medien, allen voran Facebook. Eine Plattform, die die Welt vernetzen möchte und auf der gerade der Lokaljournalismus höchstens ein wenig mitspielen darf.

Warum bauen wir uns nicht einfach selbst die Plattform? In Deutschland ist die Lücke dafür noch da. Ein Facebook für das Lokale, wie das amerikanische Nextdoor, gibt es hier noch nicht. Stellen wir uns vor, es gebe ein lokales Netzwerk, in dem Menschen die Möglichkeit haben, das auszutauschen, was sie wissen. In dem Vereine über ihre neuesten Aktivitäten berichten, kritische Bürger Fragen aufwerfen, öffentliche Stellen wie Polizei, Feuerwehr, Städte und Gemeinden direkt mit ihren Bürgern kommunizieren können, ohne dass ein Mittler gebraucht wird – wie vor der Digitalisierung die Tageszeitung.

Ein Netzwerk, in dem Journalismus da einsetzt, wo der freie Austausch ungeprüfter Informationen nicht ausreicht. Journalismus, der an den Informationsbedürfnissen seines Publikums andockt, die Journalisten im Netzwerk identifizieren können. Denn offenbar lässt sich digital kein Produkt verkaufen, in dem frei verfügbare Informationen gebündelt werden.

Jeff Jarvis rät dazu, genauer über die Aufgaben von Journalisten nachzudenken. Ist es unsere Aufgabe, ein Produkt namens „Content“ zu produzieren? Jarvis sagt, diese Vorstellung motiviere uns, um dieses Produkt herum Paywalls aufzubauen und dafür Geld zu verlangen – schließlich habe man schon immer dafür bezahlt. In diesem Prozess würden sich  Journalisten gern vom Publikum isolieren, in dem sie ihren Artikel schreiben und dann weiter zum nächsten Thema gehen. Ich glaube, er hat recht.

Social Journalism
Einerseits besitzen wir Journalisten gar keine Hoheit mehr über den Content – andererseits bietet die Zusammenarbeit mit dem Publikum Potential für einen besseren Journalismus. Einen Journalismus, der das Wissen einer Community durch Fragen ergänzt, die noch nicht gestellt und beantwortet wurden, der Fachwissen und Vertrauenswürdigkeit mit in die Diskussion einbringt, der Fakten prüft und Gerüchte entlarvt. Ein serviceorientierter Journalismus, der Nachrichten als Gespräch begreift – lokal, sozial, digital. Denn guter Journalismus kann nicht mit bloß mit dem Grad der Aufmerksamkeit gemessen werden. Erfolg im Lokalen haben diejenigen, die nachhaltige Beziehungen zu ihren Nutzern aufbauen.

Das Medienhaus Neue Westfälische und das Startup Lokalportal

Daran arbeiten wir im Medienhaus Neue Westfälische in Ostwestfalen und haben uns dafür Verstärkung geholt. Seit April ist die Neue Westfälische am digitalen Nachbarschaftsnetzwerk Lokalportal beteiligt. Gemeinsam arbeiten wir an der Vision, das Leben vor Ort besser zu machen. Wir glauben, dass Lokalportal die Chance hat, die Plattform für lokalen Austausch zu werden. Ein digitales Nachrichtenökosystem, in dem wir zwar Kontrolle abgeben, aber auch wiederbekommen. In dem wir darüber nachdenken, in welchen Formen Journalismus stattfinden kann. Nutzen wir diese Chance. Auch wenn das Geduld, Experimente, Lernfähigkeit und eine offene Fehlerkultur bedeutet.

Ich sehe ein reines Nachbarschaftsnetzwerk nicht als sehr erfolgversprechend an. Wenn Sie einmal wissen, wer in ihrer Nachbarschaft eine Bohrmaschine hat, brauchen Sie das Netzwerk nicht mehr. Die Kombination des Netzwerks und seiner Technologie mit lokalem Journalismus ist hoch spannend. Denn Menschen brauchen Journalismus.

Mehr über Lokalportal und unseren gemeinsamen Weg verrate ich als verantwortlicher Produktmanager in einer Keynote am 6./7. Juni bei den PPI-Kundentagen in Kiel.


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Warum Regionalzeitungen harte Zeiten bevorstehen

Heute morgen im Bett habe ich wie jeden Tag meine Regionalzeitung gelesen und mich darüber informiert, was so in der Welt los ist. Ach nee, ist ja Sonntag. Da gibt es gar keine Zeitung. Ach nee, und selbst wenn, ich habe ja auch gar keine abonniert. Wie jeden Tag habe ich natürlich auch heute morgen mein Smartphone gegriffen, bin durch Twitter und Facebook gescrollt und habe hier und da auf einen Artikel geklickt. Durch die digitale Filterbubble kommt mein erster Nachrichtenschwall des Tages.

E-Paper sind Oldschool

Gut, es ist vielleicht nicht so super, ausschließlich darauf zu vertrauen, was die Algorithmen von Facebook und Twitter so als wichtig erachten. Darum checke ich meist auch noch eine oder zwei Apps meines Vertrauens und schaue bei den Internetseiten der Regionalzeitungen vorbei, die mich interessieren. Apps haben die leider nicht, also zumindest keine Apps, die ich als eigenständiges Produkt durchgehen lassen würde. Es gibt höchstens E-Paper-Apps. Ein E-Paper hat mich auch dazu gebracht, jetzt hier diesen Blogeintrag zu schreiben. Zu viel geht mir durch den Kopf, seitdem ich wieder aus den USA nach Deutschland gekommen bin, zu viel Begeisterung über neue innovative journalistische Produkte, die in den letzten Wochen ein jähes Ende fand. Denn auf der Internetseite einer Lokalzeitung stand: In eigener Sache – ePaper am Sonntag kostenlos freigeschaltet.

E-Paper? Habt ihr schon mal versucht, ein E-Paper auf dem Smartphone zu lesen? Selbst auf dem Computerbildschirm ist das schon eine Zumutung. Kann es wirklich sein, dass denen nicht mehr einfällt? Wo ist es, das tolle digitale Produkt, das wirklich etwas neues ist, und nicht der Versuch, eine Tageszeitung 1:1 in ein kleines Handy zu pressen? Wo ist das Produkt, das auf die heutigen Mediennutzungsgewohnheiten eingeht und nicht so altbacken daher kommt, wie eine Tageszeitung die sich seit Jahrzehnten kaum verändert hat? In den Regionen die mich interessieren gibt es das leider nicht.

Zeitungen sollten sich auf ihre Kernkompetenz konzentrieren

Warum eigentlich nicht? In den letzten Monaten habe ich mich mit den Machern zweier Regionalzeitungen getroffen. Eine App zum Beispiel würde sich nicht lohnen, sagte mir die Online-Projektmanagerin der ersten Zeitung. Wenn ich mir aktuelle Studien anschaue, habe ich eher das Gefühl, dass sich Regionalzeitungen in ihrer derzeitigen Form bald nicht mehr lohnen werden. Zum einen weil sie inhaltlich nicht mehr gut genug sind und ich das Gefühl habe, dass viele (alte) Menschen sie lediglich aus Gewohnheit noch abonniert haben. Zum anderen weil das Produkt „Aktuelle Tageszeitung“ einfach ausgedient hat. Es ist unpraktisch, einen mindestens einen Meter breiten Papierwust vor sich ausbreiten zu müssen, der die Nachrichten von gestern enthält. Da hätte ich morgens auch gar keine Zeit oder noch eher keine Lust zu. Eher aufzustehen um Zeitung zu lesen ist nicht so mein Ding. Und in der Bahn auf dem Weg zur Uni kann man gleich vergessen eine Zeitung zu lesen. Doch es ist noch etwas anderes, was die Tageszeitung in ihrer derzeitigen Form nicht gerade zukunftsfähig macht: Sie ist wie ein Gemischtwarenladen. Medienberater Thomas Baekdal hat das wie folgt beschrieben:

„They are based on a business model that only makes sense to a mass-market, but not to the individual. This is not a winning strategy. Yes, it used to work in the old days of media, but that was as a result of scarcity.“

Er vergleicht Zeitungen mit Einkaufsläden. Die Tageszeitung sei in dem Fall ein Laden wie Walmart, der von vielem etwas hat und am leichtesten zu erreichen ist. Früher war die Tageszeitung neben der Tagesschau wohl das Hauptinformationsmedium. Sie hatte alles, lokal, national, international. Heute kann man Nachrichten verschiedener Quellen völlig einfach konsumieren. Quellen, die spezialisiert auf eine bestimmte Nische sind. Ich lese Vox.com, wenn ich große Themen gut erklärt bekommen möchte, BuzzFeed, wenn ich unterhalten werden möchte, Kompakt, wenn ich einen Überblick bekommen möchte. Warum ich Kompakt liebe, erkläre ich gleich noch. Ein regionales Medium möchte ich lesen, wenn ich regionale Infos möchte. Aber nicht in der Zeitung. Geht mit meiner Heimatregion auch schlecht, da ich mittlerweile in Hamburg wohne. Doch zurück zum Einkaufsladenbeispiel. Baekdal spricht davon, dass jeder Artikel dort kaum Wert habe, doch als Ganzes es immer einen gewissen Prozentsatz des Angebots gebe, der interessant sei. Er schlussfolgert, dass Menschen keine große Verbindung zu derartigen Supermärkten hätten. Sie seien schlichtweg nicht begeisternd. Das hingegen sind laut Baekdal Unternehmen wie Apple, Nike oder Starbucks. Deren Unterschied zu Walmart: Sie bedienen eine Nische. Offline ist es schwer, verschiedene Marken abzuklappern, darum ist ein Supermarkt meist praktischer. Online ist das alles aber nur einen Klick weit entfernt. Deshalb setzt sich da die Qualität der Nische durch. Das bessere Nischenprodukt ist genauso leicht zu erreichen wie der Supermarkt, nämlich durch Links und Social Media.

„Social Media ist Kinderkram und hat nichts mit Journalismus zu tun“

Social Media sei allerdings Kinderkram, ein neumodischer Trend den keiner brauche. Das habe nichts mit Journalismus zu tun. Das sagte mir der Chefredakteur der zweiten Zeitung. Die gedruckte Zeitung sei schließlich so richtig nah dran am Leser. Auf der Internetseite werde daher bewusst reduziert und nicht alles kostenlos online gestellt. Stattdessen werde ich bei einigen Artikeln darauf hingewiesen, dass ich „mehr“, ja „in der morgigen Ausgabe“ meiner Regionalzeitung lesen könne. Läuft denn ernsthaft jemand am nächsten Tag zum Kiosk, weil ihn jetzt gerade in diesem Moment ein Thema interessiert? In der Welt dieses Chefredakteurs schon: „Wenn das Thema gut ist und gut geschrieben, dann kaufen die Leute das. Sowas lesen sie bis zum Ende.“ Gegenfrage: „Woher wissen Sie das?“ Antwort: „Ähm ja, das glaube ich.“ Davon, dass Social Media und damit einfachere Partizipationsmöglichkeiten Journalismus zudem bereichern können, konnte ich ihn leider auch nicht überzeugen. (Wie das geht, habe ich hier beschrieben.) Stattdessen bekam ich die Frage gestellt, ob es nicht ein Armutszeugnis sei, wenn die Süddeutsche nun ihre Leser fragt, worüber sie berichten soll. Der Journalist müsse das doch schließlich wissen.

Ich will nicht sagen, dass sich gar nichts bei regionalen Zeitungsverlagen tut. Die erste Zeitung bastelt gerade an einer neuen Internetseite und möchte auch die gedruckte Zeitung inhaltlich verändern. Ich bin gespannt, wie das aussehen wird. Deren Online-Projektmanagerin berichtete mir jedoch von der Schwierigkeit, die Redaktion dafür zu begeistern. Es gebe nun einmal die altgedienten Printredakteure und die jungen Onliner. Die Herausforderungen liegen also vor allem im Change Management. Doch der Fisch stinkt vom Kopf, wie man am Beispiel der anderen Zeitung sehen kann. Ein weiteres Beispiel dafür ist die gerade in Köln neu gestartete Zeitung XTRA. Ich musste es zweimal lesen, aber ja, es startet tatsächlich noch jemand eine Tageszeitung, um „Menschen zwischen 19 und 39 Jahren“ zu erreichen. Es ist nicht schwer, herauszufinden wie diese Zielgruppe ihre Nachrichten konsumiert. Mit einer Zeitung, in der das Internet ausegdruckt ist, jedenfalls nicht. Wenn sie dann auch noch schlecht gemacht ist, erst recht nicht. Da hätte DuMont Schauberg das Geld besser zum Fenster herauswerfen können. Dann hätten es vielleicht noch Obdachlose aufgesammelt. Doch immerhin. DuMont Schauberg experimentiert wenigstens.

Scoopcamp: Amerikanischer Optimismus vs. deutscher Pessimismus

Die Offline-Denke diverser Medienmacher zeigt sich auch auf tollen Veranstaltungen wie beispielsweise dem Hamburger Scoopcamp. Dort hatten amerikanische Medienmacher gezeigt, wo die Reise hingeht. Storify-Gründer Burt Herman beschrieb, wie er mit Storify den Journalismus wieder so sexy wie Facebook machen wollte. Seine fünf Schlüsselpunkte für Medienmacher:

  1. Open Source – open sourcing journalism
  2. Social Media – telling stories by&for small communities
  3. Data – find the stories in the vast amount of data
  4. Personalization – local news, and news personalized for one individual person
  5. New Devices – responsive thinking is just an intermediate step. When & where does someone need the info?

Jigar Mehta (AJ+) und Ken Schwencke (NYTimes) gaben in ihren Vorträgen ähnliche Impulse. Doch in den Diskussionsrunden ist mir ein Unterschied aufgefallen, den ich schon während meiner Zeit in den USA ausgemacht hatte: Die Amerikaner gehen mit Experimentierfreude und Optimismus ran, in Deutschland herrschen hingegen Pessimismus und Einwände, warum etwas nicht funktionieren könne oder weshalb man es nicht brauche. Ist das ein Kulturproblem?

Wie man ein tolles Produkt machen kann

Es ist natürlich auch nicht alles schlecht. Zapp hat gerade gezeigt, dass es auch Wege gibt, eine tolle Zeitung zu machen. In Norwegen gibt es Lokalzeitungen, die dreimal wöchtentlich erscheinen und magazinig gemacht sind. Es mache mehr Sinn, drei Mal in der Woche eine richtig tolle Zeitung zu machen, als sechsmal wöchentlich eine schlechte, so ein norwegischer Chefredakteur in dem Beitrag:

Auch in Deutschland tut sich immerhin etwas. Die Stuttgarter Zeitung hat kürzlich die App S-Vibe gestartet, die einen personalisierbaren Nachrichtenstream bietet und keine Ressorts hat. Einziger Kritikpunkt: Sie bedient sich an den Inhalten der Homepage, die kein spezielles Storytelling für Mobilgeräte haben. Das hingegen hat Kompakt, die neue App von Axel Springer. Die App finde ich derzeit am gelungensten.


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Der mit dem Zug fährt

Amerika mit dem Zug erleben: Nach meinem Studium in Missouri bin ich mit dem Empire Builder auf Pionierspuren von Chicago über Glacier, Montana, bis nach Seattle. Nach einem Tag dort geht es mit dem Coast Starlight die Pazifikküste herunter bis nach San Francisco.

Vor mir liegt die wohl verrückteste Reise, die ich bisher in meinem Leben gemacht habe. Insgesamt liegen bis San Francisco mehr als 2800 Meilen Zugstrecke vor mir. Ich bin in der Union Station von Chicago. Dort läuft es ab wie am Flughafen. Das Gepäck wird eingecheckt, es darf kein Gramm mehr als 23 kg wiegen. Mein Koffer bringt 23,6 kg auf die Waage, ich muss etwas heraus nehmen. Bepackt mit Rucksack, Laptoptasche und einer Plastiktüte voll Snacks warte ich nun und beobachte meine Mitreisenden. Im Hintergrund läuft ein Video mit Sicherheitsanweisungen in Dauerschleife. Der Wartebereich des Bahnhofs ähnelt dem eines Flughafens, alles hat hier seine Ordnung. Eineinhalbstunden später beginnt das Boarding und ich stehe von dem größten Passagierzug, den ich bisher gesehen habe. Ich solle zu Eingang sechs gehen, bekomme ich gesagt. Wie gesagt, alles hat seine Ordnung. Dort angekommen muss ich warten, bis einige ältere Herrschaften mit Rollator den Zug bestiegen haben. Ich gehe nach oben, wo ich die freie Auswahl habe. Mit Zügen der Deutschen Bahn ist das Abteil des Empire Builders kaum zu vergleichen. Amtraks wohl berühmtester Zug bietet breite und bequeme Sitze mit einer unfassbaren Beinfreiheit. Ich muss meine Beine schon richtig ausstrecken, um den Vordersitz zu berühren. Ich entscheide mich für eine Sitzreihe auf der rechten Seite. Dort hoffe ich, mehr zu sehen. Die Bergketten türmen sich schließlich im Norden auf, denke ich. Das Großraumabteil füllt sich. Im vorderen Bereich sitzen Paare und Gruppenreisende, hinten Alleinreisende. Natürlich, der Ordnung wegen. Soll wohl dann später mit dem Platzzuweisen einfacher sein. Ich freue mich, dass ich meine Sitzreihe zunächst für mich allein habe. Der Zug setzt sich in Bewegung. Mindestens 30 Stunden bin ich drin, bis ich im Glacier National Park in Montana aussteige. Hinter mir höre ich vereinzelt deutsche Wortfetzen. Eine Großfamilie Amish People sitzt hinter mir. In einem Gemisch aus Englisch und altertümlichen Deutsch unterhalten sie sich. Eine Mitreisende fragt, wo sie hinwollen: Nach La Crosse, Wisconsin, zu einer Hochzeit. Sie wären schon einen Tag unterwegs gewesen, von Pennsylvania würde es eine Weile dauern. Andere Fahrgäste machen sich über ihr Outfit lustig. Alle tragen Dunkelblau oder Dunkelgrün. Die Männer Hemd, Hose und Reisehut, die Frauen ein altertümliches Kleid, das bis oben hin zugeknöpft ist. Dazu eine Kopfhaube die sie wie Nonnen aussehen lässt. Sie haben ein Baby dabei, na das kann ja heiter werden, denke ich. Es sollte sich aber herausstellen, dass das Baby äußerst ruhig und diszipliniert ist. Ich empfinde Respekt dafür, dass die Amish sich wenig anpassen und weiterhin nach ihren Traditionen leben. Zumindest fahren sie Zug. Die Zugbegleiterin checkt die Tickets. Jeder Fahrgast bekommt einen Zettel mit seinem Reiseziel über den Sitz gepinnt. GPK steht auf meinem. Es muss ja alles ordentlich sein. Die Zugbegleiterin sagt mir noch, wie schön es gerade da oben in Montana sei und wünscht mir viel Spaß.

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Der Weg ist das Ziel

Nach ein paar Stunden, irgendwo in Wisconsin hinter Montana steigt Jeremy ein und setzt sich neben mich. Er hat gerade sein erstes Studienjahr in Madison, Wisconsin hinter sich gebracht und vertreibt sich und mir die Zeit mit etwas Smalltalk über den American Way of Life. Zwischendurch kommt eine andere Zugbegleiterin um Reservierungen für das Abendessen entgegen zu nehmen. Ohne geht nichts. Im Speisewagen komme ich mir vor wie bei einem Blinddate. Zunächst werde ich angeraunzt, dass ich doch noch gar nicht aufgerufen worden sei, mein Essenstermin sei doch erst in 5 Minuten. Ich darf mich trotzdem schon setzen. Die Aufrufe sind im Abteil auch nicht zu hören gewesen, das ging nicht nur mir so. Ich bekomme eine Dame mittleren Alters gegenüber gesetzt. „Where are you from?“ „Germany, but I’ve been studying in Missouri.“ „Oh, ich komme aus Essen. Aber lass uns Englisch reden, ist einfacher für mich“, sagt sie. So kann’s gehen. Sie wohnt schon lange in Nashville, Tennessee und macht jetzt eine Reise nach Seattle. Fragt mich, ob ich ein Buch schon gelesen hätte, es sei ähnlich geschrieben wie Thomas Manns werke. Oh nein, ich habe jetzt wenig Lust auf hochintellektuelle Literaturkritik. Dazu bin ich zu müde. Die Nacht in Chicago konnte ich auf dem Sofa bei einem anderen Fulbrighter doch nicht gut schlafen. Mittlerweile sind zwei weitere Frauen an meinen Tisch gesetzt worden. Wir unterhalten uns über dies und das. Alltägliche Probleme, Zukunft der Medien, Kinder und Enkelkinder. Okay, da kann ich nicht mitreden. Ich bestelle lieber was zu Essen. Das ist zwar frischgekocht, stellt sich aber dennoch als überteuert heraus. Wenigstens kann man aus dem Speisewagen den Sonnenuntergang am Mississippi beobachten. Wir begleiten den Fluss etwa eine halbe Stunde lang. Zurück an meinem Platz unterhalte ich mich wieder mit Jeremy, das ist doch etwas angenehmer als mit Frauen Mitte 40. Irgendwann erreichen wir Minneapolis, mit etwa zwei Stunden Verspätung. Jeremy steigt aus. Er besucht Verwandte bevor er nach Hause nach Kalifornien fliegt. Die Verspätung ist völlig normal bei Amtrak, vor Allem bei dieser Strecke. Die Schienen gehören verschiedenen Bahnunternehmen, die lieber Frachtzüge darauf fahren lassen. Das bringt schließlich mehr Geld. So tuckeln wir mal mit 40 und mal mit 80 Meilen die Stunde vor uns hin, manchmal müssen wir anhalten. Das ist den meisten Reisenden und mir aber ziemlich egal. Keiner aus meinem Wagen beschwert sich oder fragt nach. In diesem Zug ist der Weg das Ziel. Jeremy sagte, er liebe das Grüne draußen.

2014-05-21 11.40.27

Froh, dabei zu sein

Die Nacht bricht herein. Ich versuche in verschiedensten Positionen auf meinen zwei Sitzen zu schlafen. Zum Glück gibt es ein Hochklappding für die Beine. Jetzt habe ich einen Riesensitz als Bett. Schlafen klappt sogar ganz gut, ich wache nur zweimal auf. Einmal wegen eines Albtraums: Ein Tornado hat den Zug getroffen und gestoppt. Ich wache von der Zugansage auf. Glücklicherweise haben wir schönes Wetter, es sind keine Tornados in der Nähe. Das hätte auch noch gefehlt. Es ist Morgengrauen und wir sind in Fargo, North Dakota. Aus dem Fenster sehe ich nur Grasland um mich herum. Ich beschließe, doch noch einmal einzuschlafen. Das Grasland ist auch drei Stunden später noch da. Der Zug muss einen Umweg fahren, weil BNSF, das Bahnunternehmen dem die Schienen gehören, gerade neue verlegt. Die Strecke ist eingleisig. Die Landschaft sieht aus wie bei „Der mit dem Wolf tanzt“. Wann kommt endlich Kevin Costner angeritten? Leider gar nicht. Stattdessen tauchen immer mal wieder Ölförderanlangen auf. Aus North Dakota kommt ein beträchtlicher Anteil des amerikanischen Öls. Die triste Gegend bietet den Amerikanern also doch etwas. Seit Minneapolis gibt es übrigens so gut wie keine Anzeichen von Zivilisation. Die Bahnhöfe die der Zug etwa alle zwei Stunden anfährt sind winzig, genauso wie die Ortschaften drum herum. Das soll wohl bis Seattle so bleiben. Der Zug trötet trotzdem fast ununterbrochen um sich anzukündigen. Fragt sich nur wem, den Tieren etwa? Verschiedenste Vögel und Rinder sehe ich ununterbrochen. Einmal taucht ein Fuchs in meinem Blickfeld auf, der den Zug an sich vorbeifahren sieht. Hin und wieder tauchen verlassene Häuser auf. Autoreste sind auch dabei. Den Leuten wurde es wohl zu öde hier. Ich habe trotzdem gute Laune. Die Sportfreunde Stiller laufen auf meinem iPhone. Dann Philipp Poisel. Er ist „froh, dabei zu sein.“ Das bin ich auch. Ich verstehe nun besser, was der amerikanische Freiheitsbegriff bedeutet. Die Weiten des Landes sind für einen Deutschen wie mich schwer zu begreifen. Am nächsten Bahnhof machen wir eine halbe Stunde Pause. Die beiden Loks müssen aufgetankt werden. Ich kann rausgehen und mir nach der stundenlangen Fahrt das erste Mal die Beine vertreten. Die Zugbegleiterin sagt, mir dass wir etwa zweieinhalb Stunden Verspätung haben. Der Zug würde jetzt aber wohl Verspätung aufholen können. Das wäre gut, denn ich soll und möchte vor Mitternacht in Glacier ankommen. Planmäßig wäre 20:15 Uhr. Das Hotel schrieb mir, ich solle anrufen wenn es nach Mitternacht werden würde. Handyempfang habe ich aber schon seit Milwaukee nicht mehr. Internet gibt es im Zug auch nicht. Mein Handy kann ich nur als Kompass nutzen, die Karte wurde praktischerweise schon vorher geladen. Draußen ist es wärmer als ich dachte. Das Land sieht so aus, als erwache es gerade erst aus einem langen Winter. Kein Wunder, wir sind nach Nordwesten gefahren und befinden uns jetzt nicht weit entfernt von der kanadischen Grenze. In Missouri ist es schon viel grüner. Der Zug fährt weiter. Mittlerweile haben wir Montana erreicht und damit die Mountain Time Zone. Das heißt, ich kann meine Uhr eine Stunde zurück stellen. Es wird hügeliger, aber nur ganz leicht. Ich schaue aus dem Fenster und warte auf Büffel. Irgendwo hier soll ein Wildreservat sein. Häuptling Sitting Bull hat hier im 19. Jahrhundert auch gelebt, steht im Streckenbegleitflyer.

2014-05-21 21.09.55

Glacier: Wilde Wälder und Wasserfälle

Nach gut 36 Stunden Zugfahrt bin ich in East Glacier angekommen. Wie ich den Glacier National Park fand und was ich auf dem Weg nach San Francisco erlebt habe kannst du bald hier lesen!

2014-05-21 19.17.49


Ein Kommentar

Germany: Responsibility between expectations and reality

When I talk to my American friends about Germany, most of them highlight one aspect of my home country: They say it is the most important country of the European Union, a heavyweight because of its economic strength and the fact that it has the largest population of all EU countries. This status also means responsibility. But does Germany, its government and its politicians meet this responsibility?

Yes, some might say. Yes, if you see Germany’s role in solving the euro crisis. Yes, if you see Germany’s mediating role in past and current conflicts like in Ukraine. Yes, if you take Germany’s pioneering role as the first country that wants to use renewable energies and stop using nuclear power plants into account. No, if you take a closer look.

In reference to the euro crisis, especially the situation in Greece, media both in Germany and abroad often repeat statements of politicians like the German Chancellor Angela Merkel or her Minister of Finance Wolfgang Schäuble who seem to introduce one rescue package after another for Greece, the country that is suffering most from the crisis. Often it seems as if Germany pays the vast majority, and as a requirement for the aid the German government tells Greece how to solve its problems. The fear from some of the population that their prosperity could suffer might be one reason for the growing support of the right wing populist party Alternative für Deutschland (AFD). Even other countries seem to fearthe „iron Mutti.“ In Greece her visits frequently lead to demonstrations as it can be seen in this picture.

It seems as if that was not entirely unjustified. In fact, Germany benefits from the crisis. Due to favorable interest rates on government bonds, Germany saved 40 billion euros between 2010 and 2014. The former Bundespräsident candidate Gesine Schwan even described it „as a conscious deception“ in an interview with the explanatory political journalism show Jung & Naiv. Germany paid nothing for Greece, it has only won.

 As a role model, Germany wants to be seen to be acting in the fight against climate change.  Angela Merkel was lovingly called the „climate chancellor“ after she spoke at world climate summits for ambitious climate targets; but only if they do not endanger German jobs. So it happened that at the EU level Merkel blocked more stringent CO2 limits for cars as the majority of EU countries wanted to establish

It looks similar to the energy turnaround. After the disaster in the Japanese nuclear power plant in Fukushima in 2011, Germany quickly decided on a nuclear phase-out, as the first industrial nation. It wanted to be a role model, a country that relies on renewable energy. In 2050 the vast majority of Germany’s energy should be generated by wind or solar.  Today, this goal seems further than ever because the development of energy sources and electricity networks continues to stagnate and electricity prices rise. Instead of renewable energy the share of coal power increases.

Expectations and reality differ as well in foreign policy. Past years it has been Germany’s strategy to keep out of conflicts. Within the Libya conflict during the Arab Spring, former Secretary of State Guido Westerwelle abstained in the UN Security Council vote that gave the green light for military intervention in Libya. Instead of being close to its NATO allies, suddenly Germany was close to Brazil, Russia, India and China.

Historic responsibility is often the argument used by German politicians to justify keeping the country out of conflicts. But as Bundespräsident Joachim Gauck said at the Munich Security Conference: „It is fallacious to imagine that Germany was protected from the turmoil of our time – like an island. (…) The consequences of the omission can be as serious as the consequences of the intervention – sometimes even more serious.“ In the same speech Gauck demanded more military interventions.

All in all, Germany primarily cares about itself, its economy and its people. That does not have to be wrong. But caring about itself also involves showing solidarity from other countries, inside and outside of the EU. In the end, Germany benefits too. But sometimes, greater risks need to be taken into account, for the bigger picture. However, risk is something Angela Merkel is afraid of. She trusts in the proven and well-known. Maybe she can think a little more as a global citizen.

 


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Interview: „Nachrichten sind dort, wo Menschen sind“

Im Dezember 2013 hat mich ein Kollege, der in Hannover Journalismus studiert, für sein Seminar interviewt. Aus dem Gespräch entstand folgendes Interview:

„Nachrichten sind dort, wo Menschen sind“

Interview: Jan Reinholz

Alexander Drößler (24) ist Masterstudent der Journalistik an der Universität Hamburg und als Fulbrighter zwei Semester an der University of Missouri, eine der besten Journalistenschulen in den USA. Er erzählt über das Studium in den Staaten, Chancen für junge Journalisten und seinen Idealismus.

Warum wolltest du in Zeiten von Bürgerjournalismus und Web 2.0 Journalismus studieren?

Gerade deshalb. Weil es die spannendste Zeit überhaupt ist, die man als junger Journalist haben kann. Weil man nicht in ein festgefahrenes System hineingeboren wird, sondern mitgestalten kann. Es wird viel gejammert, die Jobaussichten sind schlecht. Aber gerade das finde ich so spannend. Zu sehen, wie sich das ganze Branchenbild im Zuge der Digitalisierung verändert. Das öffnet mehr Chancen als Risiken. Aber warum ich persönlich Journalist werden wollte: Es gibt auf dieser Welt viele tolle Geschichten zu erzählen, die es wert sind, entdeckt zu werden. Und ich finde es sehr spannend, Missstände aufzudecken und darüber zu berichten. Mit der Hoffnung, dass sich irgendwas tut. Ich habe da so einen gewissen Idealismus, von dem ich auch hoffe, dass er noch lange bleibt. Da fängt die Leidenschaft für den Beruf an.

Warum wolltest du im Master ausgerechnet in die USA?

Weil alle Trends, die momentan entwickelt werden, hier her kommen. Welche Unternehmen haben gerade im Medienbereich Bedeutung? Da kommt man an Facebook, Apple, Twitter oder Google zum Beispiel nicht vorbei. Und ich glaube, man kann sagen, dass die Amerikaner zwei, drei Jahre Vorsprung vor dem deutschen Markt haben, was neue Technologien, deren Einsatz und Entwicklung angeht. Und ich wollte einfach hier etwas davon mitnehmen. Für mich und dafür, wo ich später arbeiten werde. Und dafür ist Missouri eine Top-Adresse.

Inwiefern unterscheidet sich die Journalistenausbildung in den USA von der in Deutschland?

Die Kurse hier sind viel kleiner als in Hamburg. Und es ist nicht so, dass der Professor dich nur bequatscht, sondern mit dir diskutiert. Vor allem habe ich noch nie so hart arbeiten müssen, obwohl ich nur drei Kurse pro Semester belege. Aber der größte Unterschied ist eigentlich, dass man das Studium hier mit einem Volontariat in Deutschland vergleichen kann. Nur, dass man einen besseren theoretischen Hintergrund mitnimmt. Die Uni besitzt hier eigene Medien oder kooperiert. Ich arbeite zum Beispiel bei einer Lokalzeitung, dem „Columbia Missourian“. Der wird überwiegend von Studenten betrieben, mit Redakteuren als „Betreuer“. Das nennen wir hier Missouri Method. So etwas vermisse ich in Deutschland.

Was sagst du persönlich zur Zukunft des Journalismus?

Es wird immer Journalismus geben, egal in welcher Form. Und es wird immer harte Nachrichten geben. Wir müssen nur schauen, wie wir sie unserem Publikum so präsentieren, dass wir dessen Aufmerksamkeit bekommen. Da müssen wir überlegen, ob das in Deutschland momentan noch richtig passiert. Nachrichten müssen da sein, wo Menschen sind. Und das ist heutzutage nicht mehr nur am Zeitungskiosk, sondern auch in sozialen Netzwerken. Deshalb ist es wichtig, dass man versucht, dort die Leute abzuholen.

Was würdest du angehenden Journalisten mit auf den Weg geben?

Leidenschaft entwickeln. Wenn man die hat, so schnell wie möglich schreiben und veröffentlichen. Das kann man heutzutage super mit Blogs. Außerdem sollte man sich eine Nische suchen, über die man schreibt. Man muss sich ja von anderen abgrenzen. Dann hat man vielleicht eher oder schneller eine Chance. Man darf sich von Leuten nicht
aus der Ruhe bringen lassen. Wenn du ein Ziel vor Augen hast, dann tu was dafür!

Vielen Dank für das inspirierende Gespräch!


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Die Nachrichten sozialer machen

Was ist Journalismus? Wer sind Journalisten? Was gehört zu ihren Aufgaben? Die Antworten auf diese Fragen scheinen einfach zu sein. So wurde es mir zumindest beigebracht. Traditionell ist ein Journalist doch objektiv, er beobachtet und gibt wider. Jetzt denke ich wieder über Fragen wie diese nach.

Bei meiner Arbeit im Community Outreach Team des Columbia Missourians benutzen wir sehr viele Social Media. Wir konzentrieren uns dabei in erster Linie auf das Wort “Social”. Durch das Web 2.0 mit seinen Kindern wie Facebook, Twitter, Blogs, Instagram und vielen anderen Tools können Medien ganz anders mit ihren Lesern – oder etwas weiter gefasst – mit ihrer Community kommunizieren. Es findet keine reine Einwegkommunikation mehr statt, die der Leser höchstens durch einen Leserbrief beeinflussen konnte, natürlich mit der Redaktion als Filter. Heute kann jeder mitmachen im “Free Flow of Communication”. Journalisten können ihn beobachten, herausfischen was sie für wichtig erachten und: mitmachen. Dazu gehört mehr als nur lustige, in der Redaktion entstandende Bildchen auf Facebook hochzuladen um Likes zu erhaschen.

Dafür bieten sich vier Fragen an, die sich Journalisten stellen sollten:

1. Wer ist das Publikum für diese Geschichte?

Das Publikum einer Lokalzeitung mag in erster Linie die Breite Masse der Bevölkerung einer Stadt oder eines Landkreises sein.
Das Publikum für einen Nachruf eines gerade gestorbenen älteren Countrymusikers wohl eher nicht. Wie ein Trichter lässt sich für jedes Thema eine Kernzielgruppe destillieren. Vielleicht reden ja auch schon Leute über ein Thema?

2. Wer kann die Berichterstattung bereichern?

Bleiben wir mal bei einem Nachruf. Der enthält vielleicht ein paar Zitate von Persönlichkeiten, die den Menschen gekannt haben. Womöglich auch ein paar “Voxen”, die Stimme des Volkes. Aber mal ehrlich: Da werden die nach Wahrnehmung des Journalisten die Interessantesten herausgefiltert. Einen ganz anderen Weg ist im Herbst der Columbia Missourian gegangen: In diesem Facebook-Album sind alle eingefangenen oder eingesandten Stimmen als Fotoalbum gesammelt. Ein Blick darauf lohnt!

3. Kann ich mit meinem Thema und dem Recherchestand an die Öffentlichkeit gehen?

Klar, hochinvestigative Stücke oder Gerüchte, die überprüft werden wollen, sollten besser nicht in sozialen Netzwerken geteilt werden. Über den Post “Haben gehört, der Bürgermeister hinterzieht Steuern, weiß da jemand mehr drüber?” sollte man besser mehrfach nachdenken. Trotzdem: Crowdsourcing kann Journalismus bereichern!
Wieder ein Beispiel aus dem Missourian, diesmal aber ohne Link, weil der Artikel mittlerweile hinter einer Paywall verschwunden ist. Im vorherigen Winter gab es hier in Columbia wohl ein ziemliches Schneechaos. Weil sehr viele Unfälle passierten, es umso mehr glatte und nicht geräumte Stellen gab, aber nicht genügend Reporter, rief der Missourian dazu auf, Gefahrenstellen zu melden. Es entstand eine Google Maps Karte mit dem aktuellen Stand der Dinge. Jeder konnte einfach vom Smartphone ein Bild schicken bzw. eine Statusmeldung auf die Landkarte setzen. Das Risiko, dass Leute Unsinn eintragen, besteht natürlich. Aber seinen Lesern von vornherein zu misstrauen ist wohl nicht die beste Grundeinstellung.

4. Warum?

Oder: Was möchte ich mit meiner Geschichte erreichen? Rudolf Augstein sagte mal: “Ein leidenschaftlicher Journalist kann kaum einen Artikel schreiben, ohne im Unterbewußtsein die Wirklichkeit ändern zu wollen.” Um mitzubekommen, ob sich etwas verändern, müssen Journalisten zunächst einmal zuhören. Man könnte auch vereinfacht sagen, das Ziel ist es, Anschlusskommunikation zu erzeugen und Teil davon zu sein. Oft wird in traditionellen Redaktionsstrukturen schnell weiter mit der Tagesordnung gemacht und das nächste Thema steht an. Ohne weiter zu zu hören.

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