Blog

Der mit dem Zug fährt

Amerika mit dem Zug erleben: Nach meinem Studium in Missouri bin ich mit dem Empire Builder auf Pionierspuren von Chicago über Glacier, Montana, bis nach Seattle. Nach einem Tag dort geht es mit dem Coast Starlight die Pazifikküste herunter bis nach San Francisco.

Advertisements

Amerika mit dem Zug erleben: Nach meinem Studium in Missouri bin ich mit dem Empire Builder auf Pionierspuren von Chicago über Glacier, Montana, bis nach Seattle. Nach einem Tag dort geht es mit dem Coast Starlight die Pazifikküste herunter bis nach San Francisco.

Vor mir liegt die wohl verrückteste Reise, die ich bisher in meinem Leben gemacht habe. Insgesamt liegen bis San Francisco mehr als 2800 Meilen Zugstrecke vor mir. Ich bin in der Union Station von Chicago. Dort läuft es ab wie am Flughafen. Das Gepäck wird eingecheckt, es darf kein Gramm mehr als 23 kg wiegen. Mein Koffer bringt 23,6 kg auf die Waage, ich muss etwas heraus nehmen. Bepackt mit Rucksack, Laptoptasche und einer Plastiktüte voll Snacks warte ich nun und beobachte meine Mitreisenden. Im Hintergrund läuft ein Video mit Sicherheitsanweisungen in Dauerschleife. Der Wartebereich des Bahnhofs ähnelt dem eines Flughafens, alles hat hier seine Ordnung. Eineinhalbstunden später beginnt das Boarding und ich stehe von dem größten Passagierzug, den ich bisher gesehen habe. Ich solle zu Eingang sechs gehen, bekomme ich gesagt. Wie gesagt, alles hat seine Ordnung. Dort angekommen muss ich warten, bis einige ältere Herrschaften mit Rollator den Zug bestiegen haben. Ich gehe nach oben, wo ich die freie Auswahl habe. Mit Zügen der Deutschen Bahn ist das Abteil des Empire Builders kaum zu vergleichen. Amtraks wohl berühmtester Zug bietet breite und bequeme Sitze mit einer unfassbaren Beinfreiheit. Ich muss meine Beine schon richtig ausstrecken, um den Vordersitz zu berühren. Ich entscheide mich für eine Sitzreihe auf der rechten Seite. Dort hoffe ich, mehr zu sehen. Die Bergketten türmen sich schließlich im Norden auf, denke ich. Das Großraumabteil füllt sich. Im vorderen Bereich sitzen Paare und Gruppenreisende, hinten Alleinreisende. Natürlich, der Ordnung wegen. Soll wohl dann später mit dem Platzzuweisen einfacher sein. Ich freue mich, dass ich meine Sitzreihe zunächst für mich allein habe. Der Zug setzt sich in Bewegung. Mindestens 30 Stunden bin ich drin, bis ich im Glacier National Park in Montana aussteige. Hinter mir höre ich vereinzelt deutsche Wortfetzen. Eine Großfamilie Amish People sitzt hinter mir. In einem Gemisch aus Englisch und altertümlichen Deutsch unterhalten sie sich. Eine Mitreisende fragt, wo sie hinwollen: Nach La Crosse, Wisconsin, zu einer Hochzeit. Sie wären schon einen Tag unterwegs gewesen, von Pennsylvania würde es eine Weile dauern. Andere Fahrgäste machen sich über ihr Outfit lustig. Alle tragen Dunkelblau oder Dunkelgrün. Die Männer Hemd, Hose und Reisehut, die Frauen ein altertümliches Kleid, das bis oben hin zugeknöpft ist. Dazu eine Kopfhaube die sie wie Nonnen aussehen lässt. Sie haben ein Baby dabei, na das kann ja heiter werden, denke ich. Es sollte sich aber herausstellen, dass das Baby äußerst ruhig und diszipliniert ist. Ich empfinde Respekt dafür, dass die Amish sich wenig anpassen und weiterhin nach ihren Traditionen leben. Zumindest fahren sie Zug. Die Zugbegleiterin checkt die Tickets. Jeder Fahrgast bekommt einen Zettel mit seinem Reiseziel über den Sitz gepinnt. GPK steht auf meinem. Es muss ja alles ordentlich sein. Die Zugbegleiterin sagt mir noch, wie schön es gerade da oben in Montana sei und wünscht mir viel Spaß.

2014-05-20 16.20.48

Der Weg ist das Ziel

Nach ein paar Stunden, irgendwo in Wisconsin hinter Montana steigt Jeremy ein und setzt sich neben mich. Er hat gerade sein erstes Studienjahr in Madison, Wisconsin hinter sich gebracht und vertreibt sich und mir die Zeit mit etwas Smalltalk über den American Way of Life. Zwischendurch kommt eine andere Zugbegleiterin um Reservierungen für das Abendessen entgegen zu nehmen. Ohne geht nichts. Im Speisewagen komme ich mir vor wie bei einem Blinddate. Zunächst werde ich angeraunzt, dass ich doch noch gar nicht aufgerufen worden sei, mein Essenstermin sei doch erst in 5 Minuten. Ich darf mich trotzdem schon setzen. Die Aufrufe sind im Abteil auch nicht zu hören gewesen, das ging nicht nur mir so. Ich bekomme eine Dame mittleren Alters gegenüber gesetzt. „Where are you from?“ „Germany, but I’ve been studying in Missouri.“ „Oh, ich komme aus Essen. Aber lass uns Englisch reden, ist einfacher für mich“, sagt sie. So kann’s gehen. Sie wohnt schon lange in Nashville, Tennessee und macht jetzt eine Reise nach Seattle. Fragt mich, ob ich ein Buch schon gelesen hätte, es sei ähnlich geschrieben wie Thomas Manns werke. Oh nein, ich habe jetzt wenig Lust auf hochintellektuelle Literaturkritik. Dazu bin ich zu müde. Die Nacht in Chicago konnte ich auf dem Sofa bei einem anderen Fulbrighter doch nicht gut schlafen. Mittlerweile sind zwei weitere Frauen an meinen Tisch gesetzt worden. Wir unterhalten uns über dies und das. Alltägliche Probleme, Zukunft der Medien, Kinder und Enkelkinder. Okay, da kann ich nicht mitreden. Ich bestelle lieber was zu Essen. Das ist zwar frischgekocht, stellt sich aber dennoch als überteuert heraus. Wenigstens kann man aus dem Speisewagen den Sonnenuntergang am Mississippi beobachten. Wir begleiten den Fluss etwa eine halbe Stunde lang. Zurück an meinem Platz unterhalte ich mich wieder mit Jeremy, das ist doch etwas angenehmer als mit Frauen Mitte 40. Irgendwann erreichen wir Minneapolis, mit etwa zwei Stunden Verspätung. Jeremy steigt aus. Er besucht Verwandte bevor er nach Hause nach Kalifornien fliegt. Die Verspätung ist völlig normal bei Amtrak, vor Allem bei dieser Strecke. Die Schienen gehören verschiedenen Bahnunternehmen, die lieber Frachtzüge darauf fahren lassen. Das bringt schließlich mehr Geld. So tuckeln wir mal mit 40 und mal mit 80 Meilen die Stunde vor uns hin, manchmal müssen wir anhalten. Das ist den meisten Reisenden und mir aber ziemlich egal. Keiner aus meinem Wagen beschwert sich oder fragt nach. In diesem Zug ist der Weg das Ziel. Jeremy sagte, er liebe das Grüne draußen.

2014-05-21 11.40.27

Froh, dabei zu sein

Die Nacht bricht herein. Ich versuche in verschiedensten Positionen auf meinen zwei Sitzen zu schlafen. Zum Glück gibt es ein Hochklappding für die Beine. Jetzt habe ich einen Riesensitz als Bett. Schlafen klappt sogar ganz gut, ich wache nur zweimal auf. Einmal wegen eines Albtraums: Ein Tornado hat den Zug getroffen und gestoppt. Ich wache von der Zugansage auf. Glücklicherweise haben wir schönes Wetter, es sind keine Tornados in der Nähe. Das hätte auch noch gefehlt. Es ist Morgengrauen und wir sind in Fargo, North Dakota. Aus dem Fenster sehe ich nur Grasland um mich herum. Ich beschließe, doch noch einmal einzuschlafen. Das Grasland ist auch drei Stunden später noch da. Der Zug muss einen Umweg fahren, weil BNSF, das Bahnunternehmen dem die Schienen gehören, gerade neue verlegt. Die Strecke ist eingleisig. Die Landschaft sieht aus wie bei „Der mit dem Wolf tanzt“. Wann kommt endlich Kevin Costner angeritten? Leider gar nicht. Stattdessen tauchen immer mal wieder Ölförderanlangen auf. Aus North Dakota kommt ein beträchtlicher Anteil des amerikanischen Öls. Die triste Gegend bietet den Amerikanern also doch etwas. Seit Minneapolis gibt es übrigens so gut wie keine Anzeichen von Zivilisation. Die Bahnhöfe die der Zug etwa alle zwei Stunden anfährt sind winzig, genauso wie die Ortschaften drum herum. Das soll wohl bis Seattle so bleiben. Der Zug trötet trotzdem fast ununterbrochen um sich anzukündigen. Fragt sich nur wem, den Tieren etwa? Verschiedenste Vögel und Rinder sehe ich ununterbrochen. Einmal taucht ein Fuchs in meinem Blickfeld auf, der den Zug an sich vorbeifahren sieht. Hin und wieder tauchen verlassene Häuser auf. Autoreste sind auch dabei. Den Leuten wurde es wohl zu öde hier. Ich habe trotzdem gute Laune. Die Sportfreunde Stiller laufen auf meinem iPhone. Dann Philipp Poisel. Er ist „froh, dabei zu sein.“ Das bin ich auch. Ich verstehe nun besser, was der amerikanische Freiheitsbegriff bedeutet. Die Weiten des Landes sind für einen Deutschen wie mich schwer zu begreifen. Am nächsten Bahnhof machen wir eine halbe Stunde Pause. Die beiden Loks müssen aufgetankt werden. Ich kann rausgehen und mir nach der stundenlangen Fahrt das erste Mal die Beine vertreten. Die Zugbegleiterin sagt, mir dass wir etwa zweieinhalb Stunden Verspätung haben. Der Zug würde jetzt aber wohl Verspätung aufholen können. Das wäre gut, denn ich soll und möchte vor Mitternacht in Glacier ankommen. Planmäßig wäre 20:15 Uhr. Das Hotel schrieb mir, ich solle anrufen wenn es nach Mitternacht werden würde. Handyempfang habe ich aber schon seit Milwaukee nicht mehr. Internet gibt es im Zug auch nicht. Mein Handy kann ich nur als Kompass nutzen, die Karte wurde praktischerweise schon vorher geladen. Draußen ist es wärmer als ich dachte. Das Land sieht so aus, als erwache es gerade erst aus einem langen Winter. Kein Wunder, wir sind nach Nordwesten gefahren und befinden uns jetzt nicht weit entfernt von der kanadischen Grenze. In Missouri ist es schon viel grüner. Der Zug fährt weiter. Mittlerweile haben wir Montana erreicht und damit die Mountain Time Zone. Das heißt, ich kann meine Uhr eine Stunde zurück stellen. Es wird hügeliger, aber nur ganz leicht. Ich schaue aus dem Fenster und warte auf Büffel. Irgendwo hier soll ein Wildreservat sein. Häuptling Sitting Bull hat hier im 19. Jahrhundert auch gelebt, steht im Streckenbegleitflyer.

2014-05-21 21.09.55

Glacier: Wilde Wälder und Wasserfälle

Nach gut 36 Stunden Zugfahrt bin ich in East Glacier angekommen. Wie ich den Glacier National Park fand und was ich auf dem Weg nach San Francisco erlebt habe kannst du bald hier lesen!

2014-05-21 19.17.49

Germany: Responsibility between expectations and reality

When I talk to my American friends about Germany, most of them highlight one aspect of my home country: They say it is the most important country of the European Union, a heavyweight because of its economic strength and the fact that it has the largest population of all EU countries. This status also means responsibility. But does Germany, its government and its politicians meet this responsibility?

Yes, some might say. Yes, if you see Germany’s role in solving the euro crisis. Yes, if you see Germany’s mediating role in past and current conflicts like in Ukraine. Yes, if you take Germany’s pioneering role as the first country that wants to use renewable energies and stop using nuclear power plants into account. No, if you take a closer look.

In reference to the euro crisis, especially the situation in Greece, media both in Germany and abroad often repeat statements of politicians like the German Chancellor Angela Merkel or her Minister of Finance Wolfgang Schäuble who seem to introduce one rescue package after another for Greece, the country that is suffering most from the crisis. Often it seems as if Germany pays the vast majority, and as a requirement for the aid the German government tells Greece how to solve its problems. The fear from some of the population that their prosperity could suffer might be one reason for the growing support of the right wing populist party Alternative für Deutschland (AFD). Even other countries seem to fearthe „iron Mutti.“ In Greece her visits frequently lead to demonstrations as it can be seen in this picture.

It seems as if that was not entirely unjustified. In fact, Germany benefits from the crisis. Due to favorable interest rates on government bonds, Germany saved 40 billion euros between 2010 and 2014. The former Bundespräsident candidate Gesine Schwan even described it „as a conscious deception“ in an interview with the explanatory political journalism show Jung & Naiv. Germany paid nothing for Greece, it has only won.

 

 As a role model, Germany wants to be seen to be acting in the fight against climate change.  Angela Merkel was lovingly called the „climate chancellor“ after she spoke at world climate summits for ambitious climate targets; but only if they do not endanger German jobs. So it happened that at the EU level Merkel blocked more stringent CO2 limits for cars as the majority of EU countries wanted to establish

It looks similar to the energy turnaround. After the disaster in the Japanese nuclear power plant in Fukushima in 2011, Germany quickly decided on a nuclear phase-out, as the first industrial nation. It wanted to be a role model, a country that relies on renewable energy. In 2050 the vast majority of Germany’s energy should be generated by wind or solar.  Today, this goal seems further than ever because the development of energy sources and electricity networks continues to stagnate and electricity prices rise. Instead of renewable energy the share of coal power increases.

Expectations and reality differ as well in foreign policy. Past years it has been Germany’s strategy to keep out of conflicts. Within the Libya conflict during the Arab Spring, former Secretary of State Guido Westerwelle abstained in the UN Security Council vote that gave the green light for military intervention in Libya. Instead of being close to its NATO allies, suddenly Germany was close to Brazil, Russia, India and China.

Historic responsibility is often the argument used by German politicians to justify keeping the country out of conflicts. But as Bundespräsident Joachim Gauck said at the Munich Security Conference: „It is fallacious to imagine that Germany was protected from the turmoil of our time – like an island. (…) The consequences of the omission can be as serious as the consequences of the intervention – sometimes even more serious.“ In the same speech Gauck demanded more military interventions.

All in all, Germany primarily cares about itself, its economy and its people. That does not have to be wrong. But caring about itself also involves showing solidarity from other countries, inside and outside of the EU. In the end, Germany benefits too. But sometimes, greater risks need to be taken into account, for the bigger picture. However, risk is something Angela Merkel is afraid of. She trusts in the proven and well-known. Maybe she can think a little more as a global citizen.

 

Interview: „Nachrichten sind dort, wo Menschen sind“

Im Dezember 2013 hat mich ein Kollege, der in Hannover Journalismus studiert, für sein Seminar interviewt. Aus dem Gespräch entstand folgendes Interview:

„Nachrichten sind dort, wo Menschen sind“

Interview: Jan Reinholz

Alexander Drößler (24) ist Masterstudent der Journalistik an der Universität Hamburg und als Fulbrighter zwei Semester an der University of Missouri, eine der besten Journalistenschulen in den USA. Er erzählt über das Studium in den Staaten, Chancen für junge Journalisten und seinen Idealismus.

Warum wolltest du in Zeiten von Bürgerjournalismus und Web 2.0 Journalismus studieren?

Gerade deshalb. Weil es die spannendste Zeit überhaupt ist, die man als junger Journalist haben kann. Weil man nicht in ein festgefahrenes System hineingeboren wird, sondern mitgestalten kann. Es wird viel gejammert, die Jobaussichten sind schlecht. Aber gerade das finde ich so spannend. Zu sehen, wie sich das ganze Branchenbild im Zuge der Digitalisierung verändert. Das öffnet mehr Chancen als Risiken. Aber warum ich persönlich Journalist werden wollte: Es gibt auf dieser Welt viele tolle Geschichten zu erzählen, die es wert sind, entdeckt zu werden. Und ich finde es sehr spannend, Missstände aufzudecken und darüber zu berichten. Mit der Hoffnung, dass sich irgendwas tut. Ich habe da so einen gewissen Idealismus, von dem ich auch hoffe, dass er noch lange bleibt. Da fängt die Leidenschaft für den Beruf an.

Warum wolltest du im Master ausgerechnet in die USA?

Weil alle Trends, die momentan entwickelt werden, hier her kommen. Welche Unternehmen haben gerade im Medienbereich Bedeutung? Da kommt man an Facebook, Apple, Twitter oder Google zum Beispiel nicht vorbei. Und ich glaube, man kann sagen, dass die Amerikaner zwei, drei Jahre Vorsprung vor dem deutschen Markt haben, was neue Technologien, deren Einsatz und Entwicklung angeht. Und ich wollte einfach hier etwas davon mitnehmen. Für mich und dafür, wo ich später arbeiten werde. Und dafür ist Missouri eine Top-Adresse.

Inwiefern unterscheidet sich die Journalistenausbildung in den USA von der in Deutschland?

Die Kurse hier sind viel kleiner als in Hamburg. Und es ist nicht so, dass der Professor dich nur bequatscht, sondern mit dir diskutiert. Vor allem habe ich noch nie so hart arbeiten müssen, obwohl ich nur drei Kurse pro Semester belege. Aber der größte Unterschied ist eigentlich, dass man das Studium hier mit einem Volontariat in Deutschland vergleichen kann. Nur, dass man einen besseren theoretischen Hintergrund mitnimmt. Die Uni besitzt hier eigene Medien oder kooperiert. Ich arbeite zum Beispiel bei einer Lokalzeitung, dem „Columbia Missourian“. Der wird überwiegend von Studenten betrieben, mit Redakteuren als „Betreuer“. Das nennen wir hier Missouri Method. So etwas vermisse ich in Deutschland.

Was sagst du persönlich zur Zukunft des Journalismus?

Es wird immer Journalismus geben, egal in welcher Form. Und es wird immer harte Nachrichten geben. Wir müssen nur schauen, wie wir sie unserem Publikum so präsentieren, dass wir dessen Aufmerksamkeit bekommen. Da müssen wir überlegen, ob das in Deutschland momentan noch richtig passiert. Nachrichten müssen da sein, wo Menschen sind. Und das ist heutzutage nicht mehr nur am Zeitungskiosk, sondern auch in sozialen Netzwerken. Deshalb ist es wichtig, dass man versucht, dort die Leute abzuholen.

Was würdest du angehenden Journalisten mit auf den Weg geben?

Leidenschaft entwickeln. Wenn man die hat, so schnell wie möglich schreiben und veröffentlichen. Das kann man heutzutage super mit Blogs. Außerdem sollte man sich eine Nische suchen, über die man schreibt. Man muss sich ja von anderen abgrenzen. Dann hat man vielleicht eher oder schneller eine Chance. Man darf sich von Leuten nicht
aus der Ruhe bringen lassen. Wenn du ein Ziel vor Augen hast, dann tu was dafür!

Vielen Dank für das inspirierende Gespräch!

Die Nachrichten sozialer machen

Was ist Journalismus? Wer sind Journalisten? Was gehört zu ihren Aufgaben? Die Antworten auf diese Fragen scheinen einfach zu sein. So wurde es mir zumindest beigebracht. Traditionell ist ein Journalist doch objektiv, er beobachtet und gibt wider. Jetzt denke ich wieder über Fragen wie diese nach.

Bei meiner Arbeit im Community Outreach Team des Columbia Missourians benutzen wir sehr viele Social Media. Wir konzentrieren uns dabei in erster Linie auf das Wort “Social”. Durch das Web 2.0 mit seinen Kindern wie Facebook, Twitter, Blogs, Instagram und vielen anderen Tools können Medien ganz anders mit ihren Lesern – oder etwas weiter gefasst – mit ihrer Community kommunizieren. Es findet keine reine Einwegkommunikation mehr statt, die der Leser höchstens durch einen Leserbrief beeinflussen konnte, natürlich mit der Redaktion als Filter. Heute kann jeder mitmachen im “Free Flow of Communication”. Journalisten können ihn beobachten, herausfischen was sie für wichtig erachten und: mitmachen. Dazu gehört mehr als nur lustige, in der Redaktion entstandende Bildchen auf Facebook hochzuladen um Likes zu erhaschen.

Dafür bieten sich vier Fragen an, die sich Journalisten stellen sollten:

1. Wer ist das Publikum für diese Geschichte?

Das Publikum einer Lokalzeitung mag in erster Linie die Breite Masse der Bevölkerung einer Stadt oder eines Landkreises sein.
Das Publikum für einen Nachruf eines gerade gestorbenen älteren Countrymusikers wohl eher nicht. Wie ein Trichter lässt sich für jedes Thema eine Kernzielgruppe destillieren. Vielleicht reden ja auch schon Leute über ein Thema?

2. Wer kann die Berichterstattung bereichern?

Bleiben wir mal bei einem Nachruf. Der enthält vielleicht ein paar Zitate von Persönlichkeiten, die den Menschen gekannt haben. Womöglich auch ein paar “Voxen”, die Stimme des Volkes. Aber mal ehrlich: Da werden die nach Wahrnehmung des Journalisten die Interessantesten herausgefiltert. Einen ganz anderen Weg ist im Herbst der Columbia Missourian gegangen: In diesem Facebook-Album sind alle eingefangenen oder eingesandten Stimmen als Fotoalbum gesammelt. Ein Blick darauf lohnt!

3. Kann ich mit meinem Thema und dem Recherchestand an die Öffentlichkeit gehen?

Klar, hochinvestigative Stücke oder Gerüchte, die überprüft werden wollen, sollten besser nicht in sozialen Netzwerken geteilt werden. Über den Post “Haben gehört, der Bürgermeister hinterzieht Steuern, weiß da jemand mehr drüber?” sollte man besser mehrfach nachdenken. Trotzdem: Crowdsourcing kann Journalismus bereichern!
Wieder ein Beispiel aus dem Missourian, diesmal aber ohne Link, weil der Artikel mittlerweile hinter einer Paywall verschwunden ist. Im vorherigen Winter gab es hier in Columbia wohl ein ziemliches Schneechaos. Weil sehr viele Unfälle passierten, es umso mehr glatte und nicht geräumte Stellen gab, aber nicht genügend Reporter, rief der Missourian dazu auf, Gefahrenstellen zu melden. Es entstand eine Google Maps Karte mit dem aktuellen Stand der Dinge. Jeder konnte einfach vom Smartphone ein Bild schicken bzw. eine Statusmeldung auf die Landkarte setzen. Das Risiko, dass Leute Unsinn eintragen, besteht natürlich. Aber seinen Lesern von vornherein zu misstrauen ist wohl nicht die beste Grundeinstellung.

4. Warum?

Oder: Was möchte ich mit meiner Geschichte erreichen? Rudolf Augstein sagte mal: “Ein leidenschaftlicher Journalist kann kaum einen Artikel schreiben, ohne im Unterbewußtsein die Wirklichkeit ändern zu wollen.” Um mitzubekommen, ob sich etwas verändern, müssen Journalisten zunächst einmal zuhören. Man könnte auch vereinfacht sagen, das Ziel ist es, Anschlusskommunikation zu erzeugen und Teil davon zu sein. Oft wird in traditionellen Redaktionsstrukturen schnell weiter mit der Tagesordnung gemacht und das nächste Thema steht an. Ohne weiter zu zu hören.

image

Fulbright connects!

Vor dem Urlaub hatte ich die großartige Gelegenheit, an einer globalen Konferenz teilzunehmen und noch einen anderen Teil Amerikas kennen zu lernen. In New Orleans fand das Enrichtment Seminar meines Sponsors statt, des Fulbright Programs. Mit etwa 120 Studierenden aus aller Welt und allen Fachrichtungen habe ich mich austauschen können sowie New Orleans und Umgebung kennen lernen können.

image

Das Seminar stand unter dem Thema “Climate Change and the Environment”, zu dem wir Vorträge und Diskussionen mit diversen Experten hatten, wie z.B. mit Prof. Denise Reed vom Water Institute of the Gulf. Dabei ging es jedoch nicht darum, wie der Klimawandel ggf. aufgehalten werden kann oder wie Umweltschutz effektiver gestaltet werden kann. Vielmehr haben wir darüber gesprochen, wie sich New Orleans städtebaulich verändern muss, um eine Zukunft zu haben. Der Ozean raubt dem Gebiet täglich einige Quadratmeter Land, diese Entwicklung soll vor Allem mit Hilfe des Mississippis gestoppt werden, der sich im Delta wieder ungehemmt entwickeln können soll um somit Land anzuhäufen.

image

Sehr interessant war der Ausflug ins Barataria Preserve, einem Naturschutzgebiet was mit den Everglades vergleichbar ist. Dort leben verschiedenste Tier- und Pflanzenarten, unter Anderem Alligatoren, Schlangen und Frösche.

image

In der Vergangenheit wurde das Gebiet leider immer kleiner, was mit der Austrocknung des Landes um New Orleans herum zu begründen ist. Genau das macht die Stadt hochwassergefährdet, die übrigens nicht direkt am Meer liegt.

image

Die Bewohner von New Orleans haben noch immer mit den Folgen des Hurricanes Katrina von 2005 zu kämpfen. Auch fast zehn Jahre nach dem verheerenden Sturm sind noch nicht alle Häuser wieder aufgebaut. Wir haben uns das St. Bernard Project angeschaut, was die Häuser von Bedürftigen renoviert und dabei mitgeholfen. Paradox, dass Austauschstudenten aus aller Welt, also auch aus Entwicklungsländern die ebenfalls mit Naturkatastrophen oder Hungersnöten zu kämpfen haben, dabei geholfen haben Häuser in der reichsten Volkswirtschaft der Welt aufzubauen. Dennoch scheint in Amerika Freiwilligendienst weiter verbreitet zu sein als in Deutschland.

image

Die Innenstadt ist wunderschön. Die Mischung als Wolkenkratzern und Häusern aus der spanischen bzw. französischen Kolonialzeit ist einzigartig und wirkt nicht wirklich amerikanisch. Das Nachtleben erinnerte mich allerdings sehr an die Hamburger Reeperbahn, nur ohne Nutten. Dafür mit ganz viel Livemusik, natürlich überwiegend Jazz.

image

Auch für mich selbst war dieses Seminarwochenende herausfordernd. Oftmals nehmen wir von unseren Werten an, das es die einzig waren und richtigen sind. Ich bin froh, mit den verschiedensten Menschen aus den verschiedensten Kulturen über verschiedenste Ansichten und Lebenshaltungen diskutiert zu haben. Die Diskussionen zeigten mir aber auch, wie wichtig kultureller Austausch für gegenseitiges Verständnis ist. Nun kenne ich nicht nur Menschen aus fast jedem Land dieser Erde, sondern ich kann auch sagen: Ich fühle mich weniger Europäer, noch weniger als Deutscher. Ich bin viel mehr Erdenbürger. Genau das ist es, was es in der Welt ein wenig mehr braucht: Ein Gefühl für das größere Bild. Problemlösungsansätze, die nicht nur die eigenen Sorgen vermindern, sondern die Welt ein kleines Stückchen besser machen. Denn wir sind verdammt privilegiert in Deutschland.

image

Semesterferien!

Es ist kaum zu glauben. Das erste Semester an der Missouri School of Journalism ist geschafft. Vor zwei Jahren hätte ich jeden verrückt erklärt, der mir gesagt hätte, dass ich jetzt hier sitzen würde um mein erstes Semester an einer der renommiertesten Journalism Schools der Welt zu resümieren. Vier Monate sind vergangen, seit ich am 7. August den Weg in die USA angetreten habe. Viel ist passiert und viel liegt noch vor mir in den kommenden Monaten bis Juni. Ein tolles Frühlingssemester und vorher eine tolle Reisezeit.

Seminar in New Orleans: Climate Change und Environment Protection

Manchmal kommt es mir so vor, als würde die Zeit rennen. Es kommt mir schon so lange vor, hier zu sein und doch habe ich “erst” die Rocky Mountains in Colorado, Washington DC und ein paar Orte in Missouri gesehen. Es gibt hier so viele tolle Orte, große abenteuerliche Städte und atemberaubende Natur. Einen Teil von beidem werde ich in den kommenden Wochen erleben dürfen. Nächste Woche fliege ich nach New Orleans an den Golf von Mexiko. Das Fulbright Enrichment Seminar kommt mir sehr entgegen, verkürzt es doch die Zeit bis Weihnachten enorm. Da hier Ende nächste Woche quasi alle Studenten zu ihren Familien quer in die Staaten zurückkehren, wäre es doch recht einsam. So kann ich nun vier Tage mit etwa 120 anderen Fulbright-Stipendiaten aus aller Welt über Climate Change und Environment Protection diskutieren und hautnah erleben, was dazu an der Küste Louisianas, die regelmäßig durch Hurricanes geschädigt wird, passiert. So wird die Zeit sicherlich schnell vergehen, bis ich mein persönliches tolles Weihnachtsgeschenk am Flughafen in Chicago abholen kann. Damit geht’s dann Silvester nach Miami, wo wir eine Rundreise zu den Everglades und auf die Keys machen werden. Ich kann kaum in Worte fassen, wie sehr ich mich darauf freue! Und das sage ich nicht bloß, weil da unten mindestens 25°C und nicht -14°C wie hier jetzt sein werden.

Von Media of the Future und Participatory Journalism

Am 13. Januar geht schließlich mein neues Semester los. Zumindest so halb. Eigentlich hätte ich ja gerne den semesterlangen Kurs in Computer-Assisted-Reporting gemacht, aber ich habe wohl keine Chance, dort reinzukommen. Schließlich ist der nahezu einzigartig und der Dozent ein absoluter Crack. Statt des Kurses kann ich zumindest an einem einwöchigen Bootcamp teilnehmen, in dem die gleichen Inhalte vermittelt werden sollen. Dafür gibts zwar keine Leistungspunkte für die Uni, aber das ist mir egal. Geht schließlich um die Inhalte. Die bekomme ich in der Form nur hier. Insgesamt fokussiere ich mich im kommenden Semester auf neue Medien. Ich freue mich drauf, in “Participatory Journalism” Konzepte von Publikumsbeteiligung kennen zu lernen auszuprobieren. Hauptfragen des Kurses: Wie können Journalisten authentisch ihr Publikum erreichen? Wie können wie es in journalistische Prozesse einbinden und wie kann Journalismus davon profitieren? Es geht um sich verändernde Rollenmodelle in einer sich wandelnden Medienwelt oder wie der Journalist vom Gatekeeper zum Gatewatcher wird. Das Schöne ist, dass hier nicht bloß Theorien und Forschungsstände behandelt werden. Ich werde im Rahmen des Kurses in der Redaktion der Lokalzeitung Columbia Missourian arbeiten, als Teil des Community Outreach Teams. Das bedeutet vor allem, aber nicht nur, mit Social Media zu experimentieren. Ich werde auch wieder an einer Business-Class teilnehmen. In “Entrepreneurship und Media of the Future” geht es darum, zusammen mit Journalism und MBA Studenten ein neues Geschäftsmodell für Unternehmen wie die AP, Bloomberg, NPR oder ein Start-up zu entwickeln. Schließlich werde ich auch noch weiter an meinen Journalism Skills arbeiten und im Kurs “Global News Across Platforms” für The Global Journalist Magazinbeiträge, Online Content und Radiobeiträge erstellen. Dabei geht es vordergründig um globale Medientrends und Pressefreiheit. Bei diesen Kursen ist der Unterschied zum deutschen Journalistik-Studium besonders deutlich erkennbar. Wo wir in Hamburg in Seminaren recherchierten, filmten und Texte schrieben, so machen wir das hier in professionellem und tagesaktuellem Umfeld für normale Produkte. Es ist einzigartig, wie die Missouri School of Journalism mit Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern und Start-Ups zusammenarbeiten oder sie selbst betreibt. Das würde ich mir auch in Deutschland wünschen. Finanziell tragen sich die von der Uni betriebenen Unternehmen selbst, wie z.B. die Lokalzeitung. Ich habe den Eindruck, dass die Verzahnung von Theorie, Forschung und Praxis hier auf einem anderen Niveau ist, als an deutschen Journalistik-Fakultäten.

Globalization: The Post American World

Dieses Wintersemester hatte ich mich bei der Kursauswahl in erster Linie an meinem Studienplan in Hamburg orientiert. In “International News Media Systems” habe ich kennen gelernt, wie Journalismus in anderen Kulturen gemacht wird und an welchen Leitbildern er sich orientiert. Interessant dabei war, dass wir eine bunte Gruppe aus amerikanischen, europäischen und asiatischen Studenten waren und zudem jede Woche ausländische Journalisten zu Gast waren oder per Skype zugeschaltet wurden. So konnten wir z.B. mit einem dänischen Russlandkorrespondenten über Arbeitsbedingungen für Journalisten unter Putin diskutieren oder mit einem kenyanischen Journalisten über die Berichterstattung des Terroranschlages in der Westgate Mall sprechen. Ein weiterer Schwerpunkt des Kurses war Globalisierung. Für mich war es sehr spannend, dieses Thema aus amerikanischer Perspektive kennen zu lernen. Wer mehr darüber wissen möchte, dem lege ich Fareed Zakarias Buch The Post American World sehr ans Herz. Der CNN- und Time-Magazine-Journalist diskutiert darin die zukünftige Rolle der USA in Konkurrenz mit aufstrebenden Ländern wie China und Indien sowie der Europäischen Union. Positiv sehr überrascht hat mich mein Kurs in “Media Ethics”. Hatte ich vor Allem eine theoretische Auseinandersetzung erwartet, so ging es in erster Linie um das Rollenverständnis von Journalisten, deren Rechte Verpflichtungen und was daraus resultiert. Dabei ging es nicht darum, zu schauen, was rechtlich erlaubt ist und was nicht. Vielmehr diskutierten wir darüber, wie Medien funktionieren sollten und warum – oder warum nicht.
Außerdem habe ich in diesem Semester einen Business Plan geschrieben und eine eigene Geschäftsidee entwickelt. Zum Kurs “Journalism and Chaos – how to understand and cover 21st century business models” gehörte auch die Reise nach Washington mit zahlreichen Redaktionsbesuchen um dort über die Finanzierung und Veränderung von Journalismus zu diskutieren.

Von jetzt auf gleich: Mentalitätsunterschiede

Natürlich habe ich hier nicht nur in der Uni gesessen und studiert. Ich habe Land und Leute näher kennen gelernt. Das mache ich auch weiterhin. Mittlerweile verstehe ich besser, wie die Amerikaner sind und wieso sie so sind. Ich habe viele interessante Menschen kennen gelernt. Dazu gehören tolle, nette Menschen, die ich mittlerweile zu meinen Freunden zählen kann. So wurde ich zum Beispiel von einem meiner Freunde nach Hause zum Thanksgiving-Dinner mit seiner Familie eingeladen. Es war ein tolles Erlebnis, an so einem Familienfest teilnehmen zu dürfen. Diese Herzlichkeit der Amerikaner weiß ich sehr zu schätzen. Vor Allem, wenn man einfach mal spontan von der Mutter umarmt wird, weil man deutsche Weihnachtskekse als Gastgeschenk mitgebracht hat. Ich habe äußerst weltoffene und kritische Amerikaner kennen gelernt, mit denen ich stundenlang über alles Mögliche diskutieren kann. Auch das ist etwas, was dieses Jahr hier ausmacht. Interessant ist, dass jeder hier einen unterschiedlichen Migrationshintergrund hat. Das ist es wohl, was diesem Land ein so großes und stolzes Nationalgefühl verleiht, auch wenn viele junge Amerikaner derzeit eher enttäuscht und frustriert von dem sind, was in ihrem Land passiert. Ich hatte und habe aber auch Schwierigkeiten mit der amerikanischen Mentalität. Oft ist es nicht einfach zu erkennen, ob Freundlichkeit wirklich ernst gemeint ist und von Herzen kommt, oder es sich einfach nur um oberflächliche Höflichkeit handelt. Auch das gewisse “von jetzt auf gleich leben” war zunächst nicht ganz einfach für mich. Amerikaner können sehr spontan sein. Es kann sein, dass man sich mit fünf verschiedenen Leuten auf ein Bier verabreden muss, damit es mit einer Verabredung klappt. Die deutsche Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit gibt es hier so nicht. Mit der Zeit lernt man aber, damit zurecht zu kommen. Ich hoffe aber, dass ich in den nächsten Monaten nicht zu viel adaptiere 😉

Thank You for the Unique Possibility

Jeder Moment hier ist einzigartig. Ich versuche, jeden einzelnen davon so gut es geht zu genießen. Ich bin unendlich dankbar, hier sein zu dürfen. Ohne diese tolle Vereinbarung, die 1952 zwischen der Amerikanischen und der Deutschen Regierung geschlossen wurde, wäre das nicht möglich. Niemals könnte ich ohne Fulbright knapp 30 000 Dollar für ein Jahr Studium in den USA aufbringen. Danke! Mal schauen, wohin der Weg mich noch führt…

Mehr Medienethik wagen

Momentan wird mit dem Regener Landrat Michael Adam die nächste Sau durch’s Dorf getrieben. Er hatte Sex in seinem Büro und nahm dabei auch noch Poppers, eine Sexdroge, die häufig von Homosexuellen konsumiert wird. Ich möchte nicht darüber spekulieren, was passiert wäre, wenn Michael Adam nicht schwul wäre. Das haben Andere schon gemacht. Ich möchte auf ein Zitat von Kuno Haberbusch hinaus, einen Satz, den er auf der diesjährigen Konferenz von Netzwerk Recherche gesagt hatte: „Journalisten legen Maßstäbe an, die sie oftmals selbst nicht einhalten.“ Der Bericht zur Veranstaltung über Medienhetze fasst weiter zusammen: “Auch Hans Leyendecker forderte etwas weniger Selbstgerechtigkeit unter den Kollegen. Diesmal widersprach ihm niemand.” Dabei ist vor Allem der letzte Satz interessant. Denn täglich grüßt das Murmeltier. So ist es nach Wulff und Hoeneß jetzt der Regionalpolitiker Michael Adam, über den gerichtet wird. Zugegeben: Eigentlich ist es nur ein Verlagshaus, was richtet. Die Zeitungen mit den vier Buchstaben aus dem Springer-Haus sind ganz vorne dabei. Scheinbar so weit, dass sich der Landrat genötigt sieht:

image

Das Zitat stammt übrigens von Bild.de. An diesem Beispiel wird erneut deutlich, was wir in der deutschen Medienlandschaft und Journalistenausbildung dringend brauchen: Mehr Diskussionen über Medienethik. Mir scheint, als wird sehr viel darüber gesprochen, was erlaubt ist, und was nicht. Im Gegensatz dazu aber nicht über ethische Fragen. Da scheint die amerikanische Journalistenausbildung der Deutschen einen Schritt voraus zu sein. Es ist wichtig, über die Rechte, Rollen, Verantwortungen und Plichten von Journalisten zu reden. Damit ist nicht bloß gemeint, “soll ich, oder soll ich nicht?” Es sollte eher eine andere Frage im Vordergrund stehen: “Warum?”

Warum sollten Journalisten diese und jene Recherchemethoden besser nicht anwenden – oder warum doch?
Warum sollten Journalisten ihre Quellen schützen – oder warum in gewissen Fällen nicht?
Warum sollten Journalisten mögliche Interessenskonflikte thematisieren – oder warum nicht?
Warum sollten Journalisten die Öffentlichkeit über das Privatleben von Prominenten informieren – oder warum nicht?
Warum sind Journalisten in erster Linie ihrem Publikum verpflichtet – oder warum nicht?

Um solche Fragen zu beantworten, wird bewusst oder unbewusst meistens auf ethische Theorien zurückgegriffen, von Aristoteles, Kant oder anderen heute eher angestaubt wirkenden Theoretikern. Aber sich mit Fragen wie diesen auseinanderzusetzen, hilft besseren Journalismus zu machen. Das Verständnis vorausgesetzt, dass Journalismus dem Publikum dienen sollte – im Fall von Michael Adam müsste die Frage dann meiner Meinung nach lauten: Inwiefern hilft die Information, mit wem der Landrat wo Sex hat, dem Publikum, was in diesem Falle die Wähler in Regen im Bayerischen Wald sind, seine politische Arbeit zu beurteilen?