Die Nachrichten sozialer machen

Was ist Journalismus? Wer sind Journalisten? Was gehört zu ihren Aufgaben? Die Antworten auf diese Fragen scheinen einfach zu sein. So wurde es mir zumindest beigebracht. Traditionell ist ein Journalist doch objektiv, er beobachtet und gibt wider. Jetzt denke ich wieder über Fragen wie diese nach.

Bei meiner Arbeit im Community Outreach Team des Columbia Missourians benutzen wir sehr viele Social Media. Wir konzentrieren uns dabei in erster Linie auf das Wort “Social”. Durch das Web 2.0 mit seinen Kindern wie Facebook, Twitter, Blogs, Instagram und vielen anderen Tools können Medien ganz anders mit ihren Lesern – oder etwas weiter gefasst – mit ihrer Community kommunizieren. Es findet keine reine Einwegkommunikation mehr statt, die der Leser höchstens durch einen Leserbrief beeinflussen konnte, natürlich mit der Redaktion als Filter. Heute kann jeder mitmachen im “Free Flow of Communication”. Journalisten können ihn beobachten, herausfischen was sie für wichtig erachten und: mitmachen. Dazu gehört mehr als nur lustige, in der Redaktion entstandende Bildchen auf Facebook hochzuladen um Likes zu erhaschen.

Dafür bieten sich vier Fragen an, die sich Journalisten stellen sollten:

1. Wer ist das Publikum für diese Geschichte?

Das Publikum einer Lokalzeitung mag in erster Linie die Breite Masse der Bevölkerung einer Stadt oder eines Landkreises sein.
Das Publikum für einen Nachruf eines gerade gestorbenen älteren Countrymusikers wohl eher nicht. Wie ein Trichter lässt sich für jedes Thema eine Kernzielgruppe destillieren. Vielleicht reden ja auch schon Leute über ein Thema?

2. Wer kann die Berichterstattung bereichern?

Bleiben wir mal bei einem Nachruf. Der enthält vielleicht ein paar Zitate von Persönlichkeiten, die den Menschen gekannt haben. Womöglich auch ein paar “Voxen”, die Stimme des Volkes. Aber mal ehrlich: Da werden die nach Wahrnehmung des Journalisten die Interessantesten herausgefiltert. Einen ganz anderen Weg ist im Herbst der Columbia Missourian gegangen: In diesem Facebook-Album sind alle eingefangenen oder eingesandten Stimmen als Fotoalbum gesammelt. Ein Blick darauf lohnt!

3. Kann ich mit meinem Thema und dem Recherchestand an die Öffentlichkeit gehen?

Klar, hochinvestigative Stücke oder Gerüchte, die überprüft werden wollen, sollten besser nicht in sozialen Netzwerken geteilt werden. Über den Post “Haben gehört, der Bürgermeister hinterzieht Steuern, weiß da jemand mehr drüber?” sollte man besser mehrfach nachdenken. Trotzdem: Crowdsourcing kann Journalismus bereichern!
Wieder ein Beispiel aus dem Missourian, diesmal aber ohne Link, weil der Artikel mittlerweile hinter einer Paywall verschwunden ist. Im vorherigen Winter gab es hier in Columbia wohl ein ziemliches Schneechaos. Weil sehr viele Unfälle passierten, es umso mehr glatte und nicht geräumte Stellen gab, aber nicht genügend Reporter, rief der Missourian dazu auf, Gefahrenstellen zu melden. Es entstand eine Google Maps Karte mit dem aktuellen Stand der Dinge. Jeder konnte einfach vom Smartphone ein Bild schicken bzw. eine Statusmeldung auf die Landkarte setzen. Das Risiko, dass Leute Unsinn eintragen, besteht natürlich. Aber seinen Lesern von vornherein zu misstrauen ist wohl nicht die beste Grundeinstellung.

4. Warum?

Oder: Was möchte ich mit meiner Geschichte erreichen? Rudolf Augstein sagte mal: “Ein leidenschaftlicher Journalist kann kaum einen Artikel schreiben, ohne im Unterbewußtsein die Wirklichkeit ändern zu wollen.” Um mitzubekommen, ob sich etwas verändern, müssen Journalisten zunächst einmal zuhören. Man könnte auch vereinfacht sagen, das Ziel ist es, Anschlusskommunikation zu erzeugen und Teil davon zu sein. Oft wird in traditionellen Redaktionsstrukturen schnell weiter mit der Tagesordnung gemacht und das nächste Thema steht an. Ohne weiter zu zu hören.

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Semesterferien!

Es ist kaum zu glauben. Das erste Semester an der Missouri School of Journalism ist geschafft. Vor zwei Jahren hätte ich jeden verrückt erklärt, der mir gesagt hätte, dass ich jetzt hier sitzen würde um mein erstes Semester an einer der renommiertesten Journalism Schools der Welt zu resümieren. Vier Monate sind vergangen, seit ich am 7. August den Weg in die USA angetreten habe. Viel ist passiert und viel liegt noch vor mir in den kommenden Monaten bis Juni. Ein tolles Frühlingssemester und vorher eine tolle Reisezeit.

Seminar in New Orleans: Climate Change und Environment Protection

Manchmal kommt es mir so vor, als würde die Zeit rennen. Es kommt mir schon so lange vor, hier zu sein und doch habe ich “erst” die Rocky Mountains in Colorado, Washington DC und ein paar Orte in Missouri gesehen. Es gibt hier so viele tolle Orte, große abenteuerliche Städte und atemberaubende Natur. Einen Teil von beidem werde ich in den kommenden Wochen erleben dürfen. Nächste Woche fliege ich nach New Orleans an den Golf von Mexiko. Das Fulbright Enrichment Seminar kommt mir sehr entgegen, verkürzt es doch die Zeit bis Weihnachten enorm. Da hier Ende nächste Woche quasi alle Studenten zu ihren Familien quer in die Staaten zurückkehren, wäre es doch recht einsam. So kann ich nun vier Tage mit etwa 120 anderen Fulbright-Stipendiaten aus aller Welt über Climate Change und Environment Protection diskutieren und hautnah erleben, was dazu an der Küste Louisianas, die regelmäßig durch Hurricanes geschädigt wird, passiert. So wird die Zeit sicherlich schnell vergehen, bis ich mein persönliches tolles Weihnachtsgeschenk am Flughafen in Chicago abholen kann. Damit geht’s dann Silvester nach Miami, wo wir eine Rundreise zu den Everglades und auf die Keys machen werden. Ich kann kaum in Worte fassen, wie sehr ich mich darauf freue! Und das sage ich nicht bloß, weil da unten mindestens 25°C und nicht -14°C wie hier jetzt sein werden.

Von Media of the Future und Participatory Journalism

Am 13. Januar geht schließlich mein neues Semester los. Zumindest so halb. Eigentlich hätte ich ja gerne den semesterlangen Kurs in Computer-Assisted-Reporting gemacht, aber ich habe wohl keine Chance, dort reinzukommen. Schließlich ist der nahezu einzigartig und der Dozent ein absoluter Crack. Statt des Kurses kann ich zumindest an einem einwöchigen Bootcamp teilnehmen, in dem die gleichen Inhalte vermittelt werden sollen. Dafür gibts zwar keine Leistungspunkte für die Uni, aber das ist mir egal. Geht schließlich um die Inhalte. Die bekomme ich in der Form nur hier. Insgesamt fokussiere ich mich im kommenden Semester auf neue Medien. Ich freue mich drauf, in “Participatory Journalism” Konzepte von Publikumsbeteiligung kennen zu lernen auszuprobieren. Hauptfragen des Kurses: Wie können Journalisten authentisch ihr Publikum erreichen? Wie können wie es in journalistische Prozesse einbinden und wie kann Journalismus davon profitieren? Es geht um sich verändernde Rollenmodelle in einer sich wandelnden Medienwelt oder wie der Journalist vom Gatekeeper zum Gatewatcher wird. Das Schöne ist, dass hier nicht bloß Theorien und Forschungsstände behandelt werden. Ich werde im Rahmen des Kurses in der Redaktion der Lokalzeitung Columbia Missourian arbeiten, als Teil des Community Outreach Teams. Das bedeutet vor allem, aber nicht nur, mit Social Media zu experimentieren. Ich werde auch wieder an einer Business-Class teilnehmen. In “Entrepreneurship und Media of the Future” geht es darum, zusammen mit Journalism und MBA Studenten ein neues Geschäftsmodell für Unternehmen wie die AP, Bloomberg, NPR oder ein Start-up zu entwickeln. Schließlich werde ich auch noch weiter an meinen Journalism Skills arbeiten und im Kurs “Global News Across Platforms” für The Global Journalist Magazinbeiträge, Online Content und Radiobeiträge erstellen. Dabei geht es vordergründig um globale Medientrends und Pressefreiheit. Bei diesen Kursen ist der Unterschied zum deutschen Journalistik-Studium besonders deutlich erkennbar. Wo wir in Hamburg in Seminaren recherchierten, filmten und Texte schrieben, so machen wir das hier in professionellem und tagesaktuellem Umfeld für normale Produkte. Es ist einzigartig, wie die Missouri School of Journalism mit Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern und Start-Ups zusammenarbeiten oder sie selbst betreibt. Das würde ich mir auch in Deutschland wünschen. Finanziell tragen sich die von der Uni betriebenen Unternehmen selbst, wie z.B. die Lokalzeitung. Ich habe den Eindruck, dass die Verzahnung von Theorie, Forschung und Praxis hier auf einem anderen Niveau ist, als an deutschen Journalistik-Fakultäten.

Globalization: The Post American World

Dieses Wintersemester hatte ich mich bei der Kursauswahl in erster Linie an meinem Studienplan in Hamburg orientiert. In “International News Media Systems” habe ich kennen gelernt, wie Journalismus in anderen Kulturen gemacht wird und an welchen Leitbildern er sich orientiert. Interessant dabei war, dass wir eine bunte Gruppe aus amerikanischen, europäischen und asiatischen Studenten waren und zudem jede Woche ausländische Journalisten zu Gast waren oder per Skype zugeschaltet wurden. So konnten wir z.B. mit einem dänischen Russlandkorrespondenten über Arbeitsbedingungen für Journalisten unter Putin diskutieren oder mit einem kenyanischen Journalisten über die Berichterstattung des Terroranschlages in der Westgate Mall sprechen. Ein weiterer Schwerpunkt des Kurses war Globalisierung. Für mich war es sehr spannend, dieses Thema aus amerikanischer Perspektive kennen zu lernen. Wer mehr darüber wissen möchte, dem lege ich Fareed Zakarias Buch The Post American World sehr ans Herz. Der CNN- und Time-Magazine-Journalist diskutiert darin die zukünftige Rolle der USA in Konkurrenz mit aufstrebenden Ländern wie China und Indien sowie der Europäischen Union. Positiv sehr überrascht hat mich mein Kurs in “Media Ethics”. Hatte ich vor Allem eine theoretische Auseinandersetzung erwartet, so ging es in erster Linie um das Rollenverständnis von Journalisten, deren Rechte Verpflichtungen und was daraus resultiert. Dabei ging es nicht darum, zu schauen, was rechtlich erlaubt ist und was nicht. Vielmehr diskutierten wir darüber, wie Medien funktionieren sollten und warum – oder warum nicht.
Außerdem habe ich in diesem Semester einen Business Plan geschrieben und eine eigene Geschäftsidee entwickelt. Zum Kurs “Journalism and Chaos – how to understand and cover 21st century business models” gehörte auch die Reise nach Washington mit zahlreichen Redaktionsbesuchen um dort über die Finanzierung und Veränderung von Journalismus zu diskutieren.

Von jetzt auf gleich: Mentalitätsunterschiede

Natürlich habe ich hier nicht nur in der Uni gesessen und studiert. Ich habe Land und Leute näher kennen gelernt. Das mache ich auch weiterhin. Mittlerweile verstehe ich besser, wie die Amerikaner sind und wieso sie so sind. Ich habe viele interessante Menschen kennen gelernt. Dazu gehören tolle, nette Menschen, die ich mittlerweile zu meinen Freunden zählen kann. So wurde ich zum Beispiel von einem meiner Freunde nach Hause zum Thanksgiving-Dinner mit seiner Familie eingeladen. Es war ein tolles Erlebnis, an so einem Familienfest teilnehmen zu dürfen. Diese Herzlichkeit der Amerikaner weiß ich sehr zu schätzen. Vor Allem, wenn man einfach mal spontan von der Mutter umarmt wird, weil man deutsche Weihnachtskekse als Gastgeschenk mitgebracht hat. Ich habe äußerst weltoffene und kritische Amerikaner kennen gelernt, mit denen ich stundenlang über alles Mögliche diskutieren kann. Auch das ist etwas, was dieses Jahr hier ausmacht. Interessant ist, dass jeder hier einen unterschiedlichen Migrationshintergrund hat. Das ist es wohl, was diesem Land ein so großes und stolzes Nationalgefühl verleiht, auch wenn viele junge Amerikaner derzeit eher enttäuscht und frustriert von dem sind, was in ihrem Land passiert. Ich hatte und habe aber auch Schwierigkeiten mit der amerikanischen Mentalität. Oft ist es nicht einfach zu erkennen, ob Freundlichkeit wirklich ernst gemeint ist und von Herzen kommt, oder es sich einfach nur um oberflächliche Höflichkeit handelt. Auch das gewisse “von jetzt auf gleich leben” war zunächst nicht ganz einfach für mich. Amerikaner können sehr spontan sein. Es kann sein, dass man sich mit fünf verschiedenen Leuten auf ein Bier verabreden muss, damit es mit einer Verabredung klappt. Die deutsche Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit gibt es hier so nicht. Mit der Zeit lernt man aber, damit zurecht zu kommen. Ich hoffe aber, dass ich in den nächsten Monaten nicht zu viel adaptiere 😉

Thank You for the Unique Possibility

Jeder Moment hier ist einzigartig. Ich versuche, jeden einzelnen davon so gut es geht zu genießen. Ich bin unendlich dankbar, hier sein zu dürfen. Ohne diese tolle Vereinbarung, die 1952 zwischen der Amerikanischen und der Deutschen Regierung geschlossen wurde, wäre das nicht möglich. Niemals könnte ich ohne Fulbright knapp 30 000 Dollar für ein Jahr Studium in den USA aufbringen. Danke! Mal schauen, wohin der Weg mich noch führt…

Was der Verkauf der Washington Post an Jeff Bezos bedeutet:

Eine weitere Station meines Trips nach Washington DC vor einigen Wochen war die Washington Post. Wenige Wochen zuvor war der Verkauf des Blattes an Amazon-Gründer Jeff Bezos bekannt geworden. Eine derart traditionsreiche Zeitung im Besitz eines großen Unternehmens, dass wie wenige andere sinnbildlich für Erfolg im Digitalgeschäft steht, sorgte auch in der Redaktion für Wirbel. Der neue Eigentümer sollte keine Verlegerfamilie oder ein bekanntes Medienunternehmen sein, sondern zu einem Online-Kaufhaus gehören. Kann das gut gehen?

Die Kunden zuerst, Innovtion und Geduld

Ja, sagt Greg Schneider, National Economy and Business Editor bei der Wash Post. Seiner Meinung nach blieb blieb den vorherigen Eigentümern gar nichts anderes übrig, sollte die Post erfolgreich bleiben. Sie hat wie die meisten amerikanischen Tageszeitungen mit Umsatzeinbußen zu kämpfen. Für Schneider waren die alten Inhaber schlicht nicht mehr innovativ genug: “Sie hätten weiter sparen und weiter Journalisten entlassen können, aber das hätte irgendwann das Ende bedeutet.” Stattdessen gingen sie einen neuen Weg und verkauften an Jeff Bezos. Der steht für Weltklasse. Sein neuer Weg beinhaltet laut Bezos die drei Ansätze, die auch Amazon groß gemacht hätten: Die Kunden zuerst, Innovation und Geduld.

Augmented Print Experience

Was die Kunden tatsächlich wollen, scheint bei vielen Medienunternehmen  auf der Strecke geblieben zu sein. Anders kann ich mir deren leider häufige Innovations- und Transformationsresistenz nicht erklären. Bezos will das bei der Washington Post ändern. Greg Schneider kann sich vorstellen, dass das Blatt technologisch von Amazon lernen kann. Wer ein eigenes Tablet baut, der wird auch wissen, wie dafür optimal Inhalte geschaffen werden können. “Augmented Print Experience” nennt Schneider das, was die stärkere Verknüpfung vom digitalen Angebot mit der Zeitung meint. Um wieder kostendeckend zu arbeiten, hat die Washington Post sieben Jahre Zeit.

Hyperjobs für Digital Natives

Währenddessen müssen auch die angestellten Journalisten mit Veränderungen in ihrer Tätigkeit rechnen: “Nur ein Printreporter zu sein, ist ein zurückgehendes Geschäft.” Ein Hyperjob sei das, was Journalisten zukünftig mit Social Media, Print, Audio, Video und Foto können sollten. Deshalb sei eine gute Ausbildung umso wichtiger, die Jobmöglichkeiten aber auch umso besser. Schwarzsehen tut Schneider für die Chancen junger Journalisten nicht, denn: “Sie können kein Blog mit alten Journalisten starten. Dafür brauchen Sie die Digital Natives.”

Weiterhin kritische Recherche – auch über Amazon

Auch die sollen zukünftig bei der Washington Post für großartige Recherche stehen. Den neuen Eigentümer sieht Greg Schneider dabei nicht als Hindernis: “Klar werden wir weiter kritisch über Amazon berichten! Jeff Bezos hat klar gemacht, dass er sich nicht ins Tagesgeschäft einmischt. Und glauben Sie mir, es war seit jeher nicht einfach, über Amazon zu recherchieren. Das wird sich auch nicht ändern.” Man müsse schließlich unterscheiden: “Die Washington Post gehört nun zu Jeff Bezos – aber nicht zu Amazon.” Die Redaktion werde aber künftig über die Eigentümersituation informieren, wenn sie kritisch über den Online-Versand berichtet.

American New Media Business Models: Was deutsche Verleger daraus lernen können

In dieser Woche hat Cesca Antonelli, die Redaktionsleiterin des Bloomberg TV Studios Washington DC einen Gastvortrag in meinem Kurs gehalten. Ich denke, von ihren Gedanken können sich deutsche Verleger, Chefredakteure und Medienmacher etwas abgucken. Die totale Publikumsorientierung soll das Erfolgsrezept amerikanischer Medien sein.

Zunächst ein eher allgemeiner Gedanke für ein gutes Medienangebot und ein funktionierendes Geschäftsmodell drum herum: Das Allerwichtigste ist es, sein Publikum genau zu kennen. Für wen mache ich mein Medienangebot? Warum sollte der Konsument ausgerechnet zu mir kommen? Ebenso wichtig ist es, das eigene Produkt bestens zu kennen. Eine zentrale Frage ist dazu, wie das Publikum mein Newsprodukt konsumiert. Problematisch kann es für ein Geschäftsmodell werden, wenn es einen Unterschied zwischen denen gibt, die für den Journalismus bezahlen und denen, die ihn lesen. Das ist ja momentan mit dem rückläufigen Anzeigengeschäft nicht neu zu beobachten.

Amerikanische Verleger haben mit drei unterschiedlichen Wegen auf diese Entwicklung reagiert:

1. Digital First:
Einige Zeitungen haben ihr Konzept so ausgerichtet, zunächst für das Digitale zu produzieren und am Ende daraus eine Zeitung für den nächsten Tag zu machen. Damit sie Geld verdienen können, sind sie vor Allem auf Scoops angewiesen, um genügend Besucher auf ihre Internetseite locken zu können. Laut Antonelli seien Scoops wichtiger, als tiefgehende Analysen. Die liefern auch eher Wochenzeitungen. Zentrales Element der Strategie ist Social Media, um vor allem junge Leute zu gewinnen, die keine Lust haben, jeden Tag die Internetseite von Zeitungen aufzurufen und ihre News lieber durch Facebook, Twitter etc. erfahren. Man kann sich allerdings die Frage stellen, ob diese Strategie das Medium Zeitung nicht komplett überflüssig macht. Wozu sollte der Leser noch die Zeitung kaufen, wenn er alles auf der Internetseite findet? In den USA konsumieren 2013 mehr Menschen digital ihre Nachrichten, als über andere Medien.

2. Premiummarken:
Die New York Times wird gelesen, weil sie die New York Times ist und einen unheimlich hohen Markenwert hat. Zeitungen wie sie setzen auf Paywalls und eine tolle, “snazzy”App, mit der sich Geld verdienen lässt. Sie setzen darauf, dass der Leser zu ihnen kommt, weil sie das beste Produkt haben. Dabei kann man sich fragen, ob sie auch schnell genug sind, oder ob der Leser die aktuellsten Nachrichten nicht doch schon woanders gelesen hat und den Mehrwert durch eine tolle App oder besonders schön ausgearbeitete und dargestellte Geschichten dann doch nicht so groß ansieht. Der Markt dafür scheint aber da zu sein, wenn sich Medienmacher einmal genau fragen, wie die Leser die Nachrichten aufbereitet haben möchten.

3. Nischen:
Nach dem Grundsatz “as the internet gets bigger, smaller ideas get better” bietet das Internet Raum für Nischenprodukte. Warum nicht ein Onlinemagazin über amerikanischen Hochschulsport eröffnen? Ein gutes Beispiel in Deutschland ist das Onlineportal www.liga3-online.de. Ein paar junge Menschen vermissten in Kicker, Sportbild etc. Berichte zur dritten Liga und machen sie nun einfach selbst. Was als kleines Blog anfing, hat nun eine beachtliche Reichweite. In den USA wird auch hier mit Paywalls experimentiert. Wenn die Einzigartigkeit nur groß genug ist und das Medium auch Scoops produziert, warum sollten Leute nicht dafür bezahlen?

Ein besonderes Geschäftsmodell haben beispielsweise das Politmagazin Politico (www.politico.com) und der TV-Sender Bloomberg, der vor allem auf weltweite Wirtschaftsnachrichten setzt. Politico macht sein Geld mit wechselnden Modellen und einer Mischung aus Web, Print (was nach Antonelli aber eher Marketing für den Rest zu sein scheint), Alerts, Newsletter und Abonnenten. In Zukunft probieren sie sich wohl auch in weiteren Nischen aus, mit PoliticoPro Education wollen sie zum Beispiel Bildungsthemen besetzen.
Bloomberg hingegen verdient das meiste Geld mit sogenannten Bloomberg Terminals. Dahinter steckt ein Computersystem, was Wirtschafts- und Finanzdaten live analysiert und z.B. von Banken und Versicherungen erworben wird. Das hatte allerdings zur Folge, dass es Bloomberg während der Bankenkrise nicht besonders gut ging.

Egal welches Mediengeschäftsmodell einen derzeit zum Erfolg führt, eines sollte sich jeder Medienmacher wohl permanent fragen: Funktioniert mein Geschäftsmodell morgen auch noch?

Was die Missouri School of Journalism zu bieten hat und warum ich was belege…

Entdecke die Möglichkeiten!

Die School of Journalism bietet für Graduate Students etwa 80 verschiedene Seminare an. Das ist mit deutschen Journalistik-Studiengängen überhaupt nicht vergleichbar. Im Prinzip gibt es hier nichts, was es nicht gibt. Da ist es gar nicht so einfach, sich für drei Seminare zu entscheiden. Ich belege in diesem Semester Media Ethics, Journalism and Chaos und International News Media Systems. Es gibt Spannenderes, könnte man da sagen. Ja, gibt es tatsächlich. Einiges… Allerdings muss ich darauf achten, dass ich mir einige Seminare in Hamburg anrechnen lassen kann. Dort müsste ich im dritten Semester Ethik und internationale Mediensysteme machen. Ganz ehrlich: Ethische Theorien und deren praktischer Bezug sind auf Englisch echt nicht so einfach und auch relativ langweilig.

Chaotische Zeiten – Zeit für neue Modelle?

International News Media Systems ist dagegen echt interessant. Mein Professor lädt jede Woche einen Gast ein, der entweder tatsächlich zu uns in die Vorlesung kommt, oder per Skype erzählt, wie Journalismus in seinem Heimat- oder Arbeitsland funktioniert. Bislang hatten wir Journalisten aus Malaysia, China und Georgien da, Donnerstag sprechen wir mit jemandem aus Nigeria.

Der Seminartitel Journalism and Chaos klingt erstmal ein wenig seltsam. Aber seltsam und chaotisch ist ja auch die Zeit, in der wir (also wir Medienmenschen) uns gerade befinden. Zeitungen werden eingestampft, Agenturen machen dicht, und so weiter und so fort. Im Gegensatz zu uns Deutschen sind die Amerikaner aber sehr fleißig am rumexperimentieren und suchen neue Wege, um mit Journalismus in welcher Form auch immer Geld zu verdienen. Wie das funktioniert (oder funktionieren könnte) und was es heißt, ein Entrepreneur zu sein, ist Thema dieses Kurses. In diesem Rahmen fahre ich auch in zwei Wochen nach Washington, um dort bei Unternehmen wie Bloomberg, CNN, Washington Post und anderen zu erfahren, wie sie mit wandelner Mediennutzung und veränderter Einnahmesituation umgehen. Das Seminar kann ich mir im Wahlbereich in Hamburg anrechnen lassen.

Mein erstes Semester in Missouri ist also sehr vorlesungsorientiert. Eines weiß ich jetzt schon: Das nächste Semester wird anders. Ich könnte zwar weiter strikt nach dem Hamburger Modulplan gehen, aber das wäre verschenktes Potenzial. Da studiere ich dann doch lieber noch ein Semester länger.

Drohnen, Data- und Participartory Journalism

Es ist einfach unglaublich, welche Möglichkeiten es hier gibt, meine journalistischen Fähigkeiten zu erweitern und zu verbessern. Es ist überhaupt kein Problem, neue Dinge auszuprobieren und zu lernen, die in Deutschland momentan undenkbar ist. Es gibt zum Beispiel ein Seminar, in dem die Teilnehmer lernen, eine Drohne zu steuern. Die Drohne kann Bild und Tonaufnahmen machen und eröffnet somit völlig neue Erzählperspektiven.

Zwei weitere Felder, die mich sehr interessieren, sind Computer Assisted Reporting und Participartory Journalism. Computer Assisted Reporting meint Datenjournalismus, der meiner Meinung nach ein großes Potenzial für journalistiche Onlineangebote besitzt: Weg vom ewigen Personalisieren, hin zur Geschichte hinter großen Datenbänken oder die Verknüpfung von Beidem. Natürlich nicht in total textlastiger Darstellung, denn das Internet sollte viel mehr bieten als eine Zeitung zum ausdrucken. Das haben viele Verleger leider noch nicht für sich entdeckt. In Deutschland experimentieren ja vor allem der Spiegel und die Süddeutsche mit Datenjournalismus, ansonsten passiert da noch nicht viel.

In Participartory Journalism geht es um die veränderte Beziehung des Journalisten zum Publikum. War ein Journalist früher lediglich ein Gatekeeper, so ist er doch immer mehr zum Gatewatcher geworden. Wie können Mediennutzer am journalistischen Prozess und am Endprodukt teilhaben? Führt das zu besserem Journalismus? Wenn ja, wie?

Ein anderer interessanter Bereich ist Convergence Journalism: Wie lassen sich Geschichten durch das Zusammenspiel von Text, Video, Bild und Ton besser darstellen? Worauf kommt’s dabei an?

Seminare in Zusammenarbeit mit lokalen Medien

Das Tolle hier in Missouri ist, dass diese Kurse sehr praktisch sind. Klar, Praxis gibt es auch in den Hamburger Seminaren. Hier jedoch wird gleich darauf geachtet, dass möglichst alles veröffentlicht wird. Deshalb arbeitet die Uni mit den lokalen Medien in Columbia zusammen. Dazu gehören zum Beispiel ein regionaler TV-Sender, ein lokaler Radiosender, eine Lokalzeitung, ein wöchentliches Magazin, das Start-Up newsy.com (von dem ich ja schon berichtet habe) oder eine internationale Journalismuszeitschrift. Die Kurse setzen sich dann aus Vorlesung und Newsroom-Arbeitszeit zusammen. Das ist schon quasi wie ein Volontariat.

Kurz gefasst: Mein erstes Semester mit Vorlesungen, das zweite mit Praxis. Das hat übrigens auch damit zu tun, dass ich mich im zweiten Semester wohl mit dem Englisch weitaus leichter tun werde, als es momentan der Fall ist. Und das ist für journalistisches Arbeiten ja auch verdammt wichtig.

Liebe Grüße!

A visit to a real news media start-up company: Newsy

A visit to a real news media start-up company: Newsy.com. Mit meinem Kurs “Journalism and Chaos – how to understand and cover 21st century business models” habe ich das 2008 gegründete start-up Newsy.com besucht. Die Firma versteht sich als multisource video news service und produziert etwa zweiminütige Videoclips aus der aktuellen Nachrichtenlage. Dabei greift sie komplett auf fremdes Material zurück, welches sie analysiert und bei Interesse verwendet. Ziel von Newsy ist es, Leute zu erreichen, die informiert sein möchten, aber keine Zeit haben, sich ganze Nachrichtensendungen anzusehen. Daher liegt der Focus sehr auf den potenziellen Zuschauern, Newsy versucht die Themen umzusetzen, über die z.B. gerade viel in sozialen Netzwerken diskutiert wird. Mit dem Copyright sind die Amerikaner nicht so streng: Newsy nutzt maximal zwölfsekündige Sequenzen einer Quelle, die auch deutlich kenntlich gemacht wird. So kann ein Video aus Bildmaterial von etwa sechs bis zehn Quellen bestehen, welches von einem Newsy-Mitarbeiter mit einem Nachrichtentext overvoiced wird. Bis ein Video online geht, wird es mehrmals gegengecheckt und wird es von verschiedenen Mitarbeitern abgenommen. Es gibt eine Textabnahme, eine Bildabnahme und eine Endabnahme, was mich in der Summe schon überrascht hat, da Newsy ein kleines Unternehmen ist. Die Geschäftsidee ist interessant, aber ob das in Deutschland so einfach zu machen wäre, bezweifle ich stark, wenn man bedenkt, wie viel Wirbel das Leistungsschutzrecht ausgelöst hat. Mit der Webseite und den Apps für Smartphones und Tablets macht Newsy bislang kaum Geld, das Unternehmen ist auf Partnerschaften angewiesen. So sind beispielsweise Mashable.com und die Huffington Post Kunden von Newsy. Weiter hofft das Unternehmen, stärker mit Tageszeitungen ins Geschäft zu kommen, um so Text mit Bildmaterial zu verbinden. Das wäre meiner Meinung auch etwas für den deutschen Markt. Wenn deutsche Zeitungen Videos produzieren, sieht das bislang leider eher peinlich aus. Oder?

School has begun

School has begun! Auf den ersten Blick sieht mein Stundenplan relativ überschaubar aus. Das täuscht aber sehr. Ich hab recht schnell festgestellt, dass es natürlich einen Grund dafür gibt, dass 3 Kurse typisch für amerikanische Graduate Students sind. Am Montag war ich kurz etwas geschockt, als der Dozent in Media Ethics erklärte, was wir das Semester alles machen würden. VIER Hausarbeiten (3x 5 Seiten und eine Research Proposal über 10-15 Seiten) gehören ebenso dazu, wie regelmäßige (benotete) Mitarbeit und die schriftliche Vorbereitung von Fragen zu den (reichlich!) zu lesenden Texten. Liebe Hamburger: Ich möchte Herrn Potthoff zurück!

Denn in Journalism and Chaos ging es genau so weiter. Die Vorlesung beschäftigt sich mit neuen Geschäftsmodellen im Journalismus und das heißt für mich, dass ich neben drei anderen Papers einen Business Plan schreiben darf. Dazu das übliche: Richtig viel zu lesen, benotete mündliche Mitarbeit und unangekündigte Tests. Die Professoren verlangen also richtig viel. Allerdings geben sie auch genauso viel. Prof. Randall Smith macht mit uns eine Kursfahrt nach Washington DC um die bekanntesten Medien (u.A. CNN, The Washington Post, Bloomberg) und The White House zu besuchen. Bei den Medien sollen wir mit den Chefs ins Gespräch kommen, um vor Ort zu sehen, wie sie mit dem Wandel der Medienbranche umgehen. Ich freu mich riesig darauf! Das Bonbon dabei: Der Professor bezahlt Flug und Unterkunft. In Journalism und Chaos sind wir übrigens fast nur Internationals, das macht die Sache für mich recht einfach. Ich bin doch sonst etwas scheu, gleich flüssig auf American English loszulegen.

International News Media Systems habe ich auch bei Prof. Smith. Hier skypen wir in der Vorlesung regelmäßig mit Journalisten aus allen möglichen Ländern und Kontinenten um möglichst viel über Ihre Arbeit, die Arbeitsbedingungen und ihr Verständnis von Journalismus zu erfahren. Für den Kurs musste ich mal eben ein Buch für 100$ kaufen. Völlig normal hier. Zum Glück hab ichs bei Amazon billiger bekommen…

Mit drei Kursen bin ich also echt gut beschäftigt. Vom Workload umfassen sie in etwa das, was man in Deutschland mit 6 Kursen zu tun hat. Ich werde immer mit irgendwas beschäftigt sein. Eine große Prüfung zum Schluss, für die man lernt und es danach vielleicht wieder vergisst, gibt es nicht.