#ijf18: Deshalb haben Traditionsmedien ohne organisatorische Transformation keine Chance

Um digital erfolgreich zu sein, müssen Medienunternehmen genauso viel in die Transformation der Organisation wie in die Produkte investieren. Das erfordert eine andere Unternehmenskultur und stärkeres strategisches Denken.

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Das ist mein zweiter Text zum diesjährigen International Journalism Festival in Perugia. Hier geht’s zum Text über Reader Revenue. Ich werde in den kommenden Tagen noch über meine Eindrücke zum Thema Community Engagement schreiben.

Die Einen sehen den Demogorgon, das unsichtbare Monster aus „Stranger Things“, die Anderen nicht. So beschreibt Lucy Küng beim International Journalism Festival ein aus ihrer Sicht zentrales Problem von traditionellen Medien. „Es gibt immer eine Gruppe von Menschen, die verstehen, welche Herausforderungen auf sie zukommen. Und auf der anderen Seite gibt es Menschen, die es entweder nicht verstehen oder es lieber nicht verstehen wollen.“

Expertise hängt nicht mehr mit Erfahrung zusammen

Die Schweizerin ist Google Digital News Senior Fellow am Reuters Institute for the Study of Journalism an der University of Oxford und sieht eine Menge Herausforderungen, die sie in ihrer Studie „Going Digital – A Digital Roadmap for Organisational Transformation“ zusammengefasst hat. Küngs Kernaussage: Um digital erfolgreich zu sein, müssen Medienunternehmen müssen genauso viel in die Transformation der Organisation wie in die Produkte investieren. „Weil der Weg zur Nachhaltigkeit nicht klar ist, müssen diejenigen, die im Journalismus arbeiten, unvermeidlich für einen kontinuierlichen Wandel bereit sein.“ Bis zur Digitalisierung sei Wandel jedoch immer schrittweise und gut im Voraus erkennbar abgelaufen und Vorhersagen einfach gewesen. „Das ist nicht mehr der Fall.“

Deshalb sei eine veränderte Unternehmenskultur essenziell, mit flexibleren Strukturen und Rollen sowie regelmäßigen Weiterbildungen. „Expertise hängt nicht mehr mit Erfahrung zusammen.“ Das hat Folgen für etablierte Führungskräfte: „Aktuell in Führungsverantwortung zu sein bedeutet nicht, dass das auch so bleibt. Eher das Gegenteil ist der Fall.“ Relevantes Fachwissen sei häufiger in neueren Unternehmensbereichen und auf niedrigeren Hierachiestufen zu finden, was einen ganz anderen Informationsfluss innerhalb des Unternehmens notwendig mache.

Bei der BBC half ein „Digital Q&A Day“, berichtet Fiona Campbell, Controller of mobile & online bei BBC News. „Wir haben in verschiedenen Sessions beispielweise erklärt, wie Journalismus mobil funktioniert, was wir auf unserer Webseite messen können oder wie digitales Marketing funktioniert. Außerdem war der Tag gut, um Ideen zu sammeln.“

Es geht nicht um das Wollen sondern um das Wie

Für Renée Kaplan, Head of Audience Engagement bei der Financial Times, ist es besonders wichtig, eine Zukunftsvision aufzuzeigen, um die Mitarbeitenden mitzunehmen. „Macht ihnen klar, die Zukunft für sie bringen kann.“ Aus ihrer Erfahrung seien Redakteure verunsichert, wie Wandel aussehen kann und wie er zu schaffen ist. „Es geht nicht um das ‚Wollen‘, sondern um das ‚Wie‘.“

Dazu müsse eine Frage jedoch zuerst geklärt sein: „Was ist das Geschäftsziel der Organisation?“ Daraus lasse sich ableiten, inwiefern sich dieses Geschäftsziel in eine redaktionelle Strategie übersetzen lässt. „Was ist die redaktionelle Strategie der Geschäftsstrategie?“ Dann lasse sich einfach erklären, warum sich Redakteure jetzt auch noch um Instagram, Snapchat oder Newsletter kümmern müssen.

„Die Antwort auf das ‚Warum‘ muss immer etwas sein wie ‚das hilft uns in folgender Weise, dieses Geschäftsziel zu erreichen‘.“ Dabei sei es wichtig, erreichbare Ziele zu formulieren, damit eine „Yes, we did“-Stimmung entstehen könne. Für eine Zeitung, die ihre Inhalte bislang immer abends veröffentlicht hat, würde sich beispielsweise anbieten, mehr am Morgen zu veröffentlichen und das mit einem Redaktionsplan zu planen, um darüber nachzudenken, zu welcher Zeit welche Leser welche Themen nachfragen. „So könnt ihr dem Autor am Ende sagen, dass sein Artikel dadurch soundsoviel Prozent mehr Leser erreicht hat.“

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Strategische Fragen müssen wieder stärker in den Fokus rücken

Für Lucy Küng ist klar, dass strategische Fragen wieder stärker in den Fokus rücken müssen. Dabei sieht sie vier Bereiche:

  1. Das langfristige Ziel: „Warum existiert diese Organisation?“ Dieses Ziel gehe häufig mit der journalistischen Kernmission einher und bleibe konstant, während sich die Funktionalstrategien zur Zielerreichung verändern können.
  2. Das Geschäftsmodell: „Wie können wir unser Ziel nachhaltig finanzieren“?
  3. Neue Entwicklungen: „Wie gehen wir mit den ‚Shiny new things‘ um?“ Damit gemeint sind neue Plattformen oder deren neue Funktionen oder andere Trends, die das Geschäft beeinflussen könnten.
  4. Technik & Daten: „Zusammen bilden sie das zentrale Nervensystem, dass die anderen drei Bereiche unterstützt, informiert und füttert. Weder langfristige Ziele noch Umsatzambitionen können nachhaltig erreicht werden, wenn sie nicht in einen intelligenten und leistungsstarken Tech-Stack, eine Daten-Engine, ein Vertriebssystem für soziale Medien und digitale Storytelling-Tools eingebettet sind.“

#ijf18: Paid Content? Membership? Wie das Business Modell die redaktionelle Strategie beeinflusst

Reader Revenue wird immer wichtiger für die Finanzierung von Journalismus im Digitalen. Was Paid Content von Membership unterscheidet und was das in der Konsequenz für die redaktionelle Strategie bedeutet, war Thema beim International Journalism Festival Perugia.

Das ist mein erster Text zum diesjährigen International Journalism Festival in Perugia. Ich werde in den kommenden Tagen noch über digitale Transformation und Community Engagement schreiben.

Für Rasmus Nielsen vom Reuters Institute der University of Oxford ist klar, warum Medien mit Paid Content im Digitalen bislang kaum erfolgreich sind: „Der meiste Journalismus im Internet ist es nicht wert, dafür zu bezahlen.“ Der Journalismus-Professor weiter: „ Wenn ihr etwas produzieren möchtet, für das Menschen bereit sind, zu bezahlen, muss es einen Wert für sie haben.“ Mit welchen Ansätzen das gelingen kann, war eines der dominanten Themen beim International Journalism Festival in Perugia.

Francesco Marconi, Head of Research & Development beim Wall Street Journal, sieht die Herausforderung darin, in einem übersättigten Markt mit riesigem Wettbewerb bestehen zu müssen. Für Medienhäuser bedeute dies, einerseits genügend Masse, andererseits einzigartige Inhalte zu produzieren, die niemand in dieser Form anbiete. Er macht deutlich, dass das nur mit einem kulturellen Wandel zu schaffen sei: „Redaktionen müssen sich daran gewöhnen, zu forschen, Hypothesen zu bilden, Piloten zu entwickeln, auszuprobieren und vom Feedback zu lernen.“

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„Wir fangen eigentlich erst an, die Inhalte zu produzieren, die unser Publikum wirklich braucht.“

Erstaunlich ehrlich berichtet Renée Kaplan, Head of Audience Engagement bei der Financial Times. „Wir fangen eigentlich erst an, die Inhalte zu produzieren, die unser Publikum wirklich braucht.“ Bei der FT seien das beispielsweise vermehrt Berichte über Geschäftsdeals und deren Abwicklung. „Früher ging es um Reichweite. Jetzt geht es aber darum, zu verstehen, was wirklich wertbringend für unsere Leser ist.“ Redaktionell bedeute das auszuprobieren, inwiefern Leser für einen bestimmten Inhaltstyp zu zahlen bereit sind – und mehr zu zahlen bereit sind. Es gehe nicht darum, jedem Leser einen bestimmten Betrag zu entlocken, sondern von jedem individuellen Leser den höchsten Betrag zu bekommen, den er zu zahlen bereit sei.

Einen anderen Weg schlägt das News Revenue Hub ein, eine amerikanische Initiative, die mit ihren Partnern auf Mitgliedschaften anstelle von Digitalabos setzt. „Wir müssen unsere Leser mit den sich verändernden wirtschaftlichen Bedingungen konfrontieren, dass Werbeeinnahmen nicht ausreichen“, sagt Gründerin und CEO Mary Walter-Brown. Dann komme es auf eine möglichst tiefe Beziehung zum Leser an. „Es geht darum, zu überlegen, welche Nutzenversprechen man dem Leser macht und wie man sie realisiert.“ Bei Voice of San Diego gebe es beispielsweise regelmäßig den sogenannten „Membership Coffee“: Die Redakteure treffen sich mit den Lesern, um mit ihnen über deren Themen zu sprechen. Das sei gleichzeitig ein Realitätscheck. „Es kann sein, dass wir Journalisten eine Geschichte total interessant finden, unsere Leser darüber aber ganz anders denken. Deshalb brauchen wir Fokusgruppen, um redaktionelle Entscheidungen zu treffen.“

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Einzigartige Inhalte mit Einbeziehung der Leser

Zur redaktionellen Strategie gehöre es auch dazu, auf Themen zu verzichten, wie Natalie Choate vom  Texas Tribune und Maaike Goslinga vom niederländischen De Correspondent deutlich machen. „Wir entscheiden immer wieder neu, was unsere Berichterstattung erfordert und was nicht.“ Goslinga berichtet von Beispielen, bei denen De Correspondent seinen Mitgliedern erklärte, dass die Reporter nichts Neues zu bereits bekannten Nachrichten beitragen konnten. Stattdessen arbeite man dort an einzigartigen Geschichten, bei denen die Mitglieder miteinbezogen würden: „Die Hälfte der Arbeitszeit bei uns ist Engagement. Jeder Reporter muss sich regelmäßig mit unseren Mitgliedern austauschen. So können wir besseren Journalismus machen.“

Um potenzielle Mitglieder von der Mitgliedschaft zu überzeugen und sie dann zu halten, setzen Voice of San Diego und Honolulu Civil Beat auf Newsletter. „Das ist ganz wichtig, um potenzielle Leser in den Funnel zu bekommen. Es bieten sich beispielsweise ein freier und ein Newsletter für Mitglieder an“, sagt Mary Walter-Brown. Diese müssten als eigenständige Produkte behandelt werden, betont Ben Nishimoto vom Honolulu Civil Beat: „Newsletter dürfen nicht nur Links zu Inhalten auf der Webseite enthalten, sondern brauchen ein einzigartiges Design.“ Mit Hilfe eines eigenen Newsletter-Redakteurs habe der Honolulu Civil Beat innerhalb von zwei Monaten aus 4.000 Newsletter-Abonnenten 22.000 gemacht. „Die bleiben im Schnitt länger als Nutzer, die über andere Wege zu uns kommen.“

Was können wir daraus lernen?

Das amerikanische Non-Profit-Modell der Mitgliedschaften ist wahrscheinlich für den deutschen Markt und die Transformation deutscher Medien nur schwer übertragbar. Ich glaube aber, dass wir uns vom nutzerzentrierten Denken sehr viel abschauen können, nehmen wir doch viel zu oft eine einseitig auf das Unternehmen gerichtete Sichtweise ein. Wie seht ihr das?  

#ijf17: Wie User-Engagment Journalisten beim Geld verdienen helfen kann

Es ging los mit einer Standpauke: „Wir Journalisten sind arrogant gegenüber Lesern und neuen Playern im Journalismus.“ Die These stammt von Lina Timm, der Leiterin des Media.Lab Bayern, aufgeworfen bei einer Diskussion über die Frage, ob Trump gut für den Journalismus sei. Der US-Präsident war das dominierende Thema des International Journalism Festival in Perugia. Vom 5. bis zum 9. April haben sich tausende Medienschaffende in der kleinen Stadt in Umbrien in der Mitte Italiens getroffen. Die größte europäische Journalismus-Veranstaltung brachte über 600 Speaker in über 250 verschiedenen Panels zusammen.

Lina Timm sagte, sie störe die Arbeitsweise, als Journalist zu sagen, „ich finde das Thema wichtig, daher habt ihr meinen Text bitte zu lesen“. Ihre Forderung: Endlich lernen, wie Startups zu denken. Das bedeute, zunächst ein Problem zu identifizieren, um dann eine Lösung dafür zu finden. Jeff Jarvis, Journalismus-Professor an der City University New York, rechtfertigte: „Früher hatten wir nicht die Werkzeuge, um Communities zuzuhören. Um zunächst ihre Bedürfnisse und Ziele zu verstehen und ihnen danach Journalismus zu geben.“

Public-Powered-Journalism als Chance für den Lokaljournalismus

Die Werkzeuge dafür, um Journalisten und ihr Publikum näher zusammen zu bringen, haben Jennifer Brandel vom US-Startup Hearken und Greg Barber von der Washington Post im Angebot. Beide möchten mit ihrer Software (Hearken und Coral Project) dazu beitragen, dass Journalisten das Publikum stärker in den journalistischen Prozess einbeziehen. Gerade für den Lokaljournalismus sei der „Public-Powered-Journalism“ laut Brandel eine Chance.

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Copyright: Jennifer Brandel, http://www.wearehearken.com

Für Brandel gehöre dazu, regelmäßig Partizipationsmöglichkeiten zu schaffen und Nutzer-Engagement wertzuschätzen. Um nachhaltig zu profitieren, müsse das Publikum genau sehen können, wie seine Mitwirkung die journalistische Arbeit beinflusst. Barber hob hervor, dass es nicht reiche, Partizipationsmöglichkeiten auf die Webseite zu setzen und zu hoffen, dass Nutzer sie anklicken und interagieren, sagt Greg Barber: „Um einen wirklichen wirtschaftlichen Vorteil von User-Engagement zu sehen, braucht es eine klare Strategie.“

„Weder Nische noch Skalierung funktionieren nachhaltig lokal“

Die Ausgangslage sei zwar schwierig, aber nicht hoffnungslos, sagte Rasmus Nielsen, Direktor des Reuters Instituts für Journalismusforschung in Oxford. „Facebook und Google haben lokale Werbung unglaublich effizient gemacht und erreichen auch in diesem Markt mehr Menschen, als eine Zeitung je erreicht hat.“ Er glaubt nicht an die derzeitigen digitalen Geschäftsmodelle im Journalismus: „Weder Nische noch Skalierung funktionieren nachhaltig lokal.“ Er fordert eine Rückbesinngung auf das, was lokaler Journalismus eigentlich meine. Lokale Medien sollten sich fragen, welche Probleme der Gesellschaft sie lösen würden und sich darauf reduzieren – und nicht jeden Tag eine beliebige Anzahl an Content-Items veröffentlichen. „Bringing people together“, das sei der Business Case von Lokalzeitungen – das, was sie als einzige oder am besten könnten. Ihr entscheidender Vorteil: „Sie bewegen sich in der lokalen Gemeinschaft, mit der sich Menschen identifizieren.“

De Correspondent: Mit 300 Euro zu 18.000 zahlenden Nutzern

Komplett auf die Leser setzt das niederländische Startup De Correspondent, das gerade in die USA expandiert. De Correspondent bittet seine Leser jedoch nicht nur um Geld, sondern auch nach ihrem Wissen – und bezieht sie so auf nahe und persönliche Weise ihre Artikel ein. „Das ist besser, als den Lesern zu sagen, bitte bezahlt uns, weil wir eine Nachrichtenseite sind“, sagte Mitgründer Ernst-Jan Pfauth. Eine harte Paywall hat De Correspondent nicht. „Wenn du als Leser etwas spannendes entdeckst, was dich betrifft und dir wichtig ist, dann ergibt eine Paywall keinen Sinn. Du willst den Text ja deinen Freunden zeigen“, so Pfauth weiter. De Correspondent – Leser können daher Artikel teilen, der neue Leser allerdings nur den einen lesen, dessen Link er bekommen hat. Mit dieser Strategie haben die Niederländer mit einem Marketing-Budget von 300 Euro 18.000 zahlende Nutzer generiert. Der Schlüssel dazu: Vertrauen durch Transparenz. So haben die Journalisten von De Correspondent beispielsweise einen eigenen Newsletter, der wie ein offenes Notizbuch funktioniert.

Facebook hat den Lokaljournalismus auf der Agenda

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Adam Mosseri (VP of Product for News Feed, Facebook) erklärt, wie sein Produkt funkioniert

Den Journalismus hat sich auch Facebook auf die Agenda für dieses Jahr gesetzt. Das soziale Netzwerk, das als Hauptsponsor des Festivals auftrat, möchte 2017 als Partner von Medien in drei Bereichen voran kommen: Storyformate, Lokalnachrichten und Monetarisierung. Insbesondere der Lokaljournalismus scheint im Silicon Valley eine Rolle zu spielen. Der VP of Product for News Feed, Adam Mosseri, erklärte: „Facebook möchte dabei helfen, lokale Quellen zu identifizieren und zu nutzen. Wir wollen Möglichkeiten bieten, aktive lokale Communities zu schaffen.“

Solutions Journalism: Berichterstattung darüber, wie Menschen auf soziale Probleme reagieren

Zurück zu Lina Timm und dem Startup-Denken (1. Find a Problem, 2. Find a Solution). Auf das Finden von Lösungen konzentrieren sich Tina Rosenberg von der New York Times und Ulrik Haagerup, Chefredakteur des Dänischen Rundfunks. Sie wollen Solutions Journalism oder Constructive News stärker in den Fokus von Redaktionen rücken. Rosenberg meint damit „rigorose Berichterstattung darüber, wie Menschen auf soziale Probleme reagieren.“ Dieser Ansatz führe nach einer Studie der University of Texas dazu, dass Leser deutlich mehr Artikel lesen würden. „Journalismus ist ein Feedback-Mechanismus“, sagte Ulrik Haagerup. „Wenn wir andere Fragen stellen, bekommen wir auch andere Antworten – und verändern die Nachrichten.“ Trump, sagte er, hätten die Medien mit ihrer Business-School-Logik selbst erschaffen: „Sie haben ihn übermäßig häufig dargestellt, weil er polarisiert und unterhaltsam ist.“ Um die Nachrichtenkultur der schlechten Nachrichten, der Emotionalität oder des Polarisierens zu ändern, gibt Haagerup seinen Chefsessel auf. Er gründet in Aarhus einen neuen Studiengang.

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Ulrik Haagerup (links) über konstruktiven Journalismus

Warum Regionalzeitungen harte Zeiten bevorstehen

Warum Regionalzeitungen harte Zeiten bevorstehen: Über die geringe Innovationsfreude von Tageszeitungen und die veralteten Denkmuster von Chefredakteuren. Was ein erfolgreiches digitales Medienprodukt braucht.

Heute morgen im Bett habe ich wie jeden Tag meine Regionalzeitung gelesen und mich darüber informiert, was so in der Welt los ist. Ach nee, ist ja Sonntag. Da gibt es gar keine Zeitung. Ach nee, und selbst wenn, ich habe ja auch gar keine abonniert. Wie jeden Tag habe ich natürlich auch heute morgen mein Smartphone gegriffen, bin durch Twitter und Facebook gescrollt und habe hier und da auf einen Artikel geklickt. Durch die digitale Filterbubble kommt mein erster Nachrichtenschwall des Tages.

E-Paper sind Oldschool

Gut, es ist vielleicht nicht so super, ausschließlich darauf zu vertrauen, was die Algorithmen von Facebook und Twitter so als wichtig erachten. Darum checke ich meist auch noch eine oder zwei Apps meines Vertrauens und schaue bei den Internetseiten der Regionalzeitungen vorbei, die mich interessieren. Apps haben die leider nicht, also zumindest keine Apps, die ich als eigenständiges Produkt durchgehen lassen würde. Es gibt höchstens E-Paper-Apps. Ein E-Paper hat mich auch dazu gebracht, jetzt hier diesen Blogeintrag zu schreiben. Zu viel geht mir durch den Kopf, seitdem ich wieder aus den USA nach Deutschland gekommen bin, zu viel Begeisterung über neue innovative journalistische Produkte, die in den letzten Wochen ein jähes Ende fand. Denn auf der Internetseite einer Lokalzeitung stand: In eigener Sache – ePaper am Sonntag kostenlos freigeschaltet.

E-Paper? Habt ihr schon mal versucht, ein E-Paper auf dem Smartphone zu lesen? Selbst auf dem Computerbildschirm ist das schon eine Zumutung. Kann es wirklich sein, dass denen nicht mehr einfällt? Wo ist es, das tolle digitale Produkt, das wirklich etwas neues ist, und nicht der Versuch, eine Tageszeitung 1:1 in ein kleines Handy zu pressen? Wo ist das Produkt, das auf die heutigen Mediennutzungsgewohnheiten eingeht und nicht so altbacken daher kommt, wie eine Tageszeitung die sich seit Jahrzehnten kaum verändert hat? In den Regionen die mich interessieren gibt es das leider nicht.

Zeitungen sollten sich auf ihre Kernkompetenz konzentrieren

Warum eigentlich nicht? In den letzten Monaten habe ich mich mit den Machern zweier Regionalzeitungen getroffen. Eine App zum Beispiel würde sich nicht lohnen, sagte mir die Online-Projektmanagerin der ersten Zeitung. Wenn ich mir aktuelle Studien anschaue, habe ich eher das Gefühl, dass sich Regionalzeitungen in ihrer derzeitigen Form bald nicht mehr lohnen werden. Zum einen weil sie inhaltlich nicht mehr gut genug sind und ich das Gefühl habe, dass viele (alte) Menschen sie lediglich aus Gewohnheit noch abonniert haben. Zum anderen weil das Produkt „Aktuelle Tageszeitung“ einfach ausgedient hat. Es ist unpraktisch, einen mindestens einen Meter breiten Papierwust vor sich ausbreiten zu müssen, der die Nachrichten von gestern enthält. Da hätte ich morgens auch gar keine Zeit oder noch eher keine Lust zu. Eher aufzustehen um Zeitung zu lesen ist nicht so mein Ding. Und in der Bahn auf dem Weg zur Uni kann man gleich vergessen eine Zeitung zu lesen. Doch es ist noch etwas anderes, was die Tageszeitung in ihrer derzeitigen Form nicht gerade zukunftsfähig macht: Sie ist wie ein Gemischtwarenladen. Medienberater Thomas Baekdal hat das wie folgt beschrieben:

„They are based on a business model that only makes sense to a mass-market, but not to the individual. This is not a winning strategy. Yes, it used to work in the old days of media, but that was as a result of scarcity.“

Er vergleicht Zeitungen mit Einkaufsläden. Die Tageszeitung sei in dem Fall ein Laden wie Walmart, der von vielem etwas hat und am leichtesten zu erreichen ist. Früher war die Tageszeitung neben der Tagesschau wohl das Hauptinformationsmedium. Sie hatte alles, lokal, national, international. Heute kann man Nachrichten verschiedener Quellen völlig einfach konsumieren. Quellen, die spezialisiert auf eine bestimmte Nische sind. Ich lese Vox.com, wenn ich große Themen gut erklärt bekommen möchte, BuzzFeed, wenn ich unterhalten werden möchte, Kompakt, wenn ich einen Überblick bekommen möchte. Warum ich Kompakt liebe, erkläre ich gleich noch. Ein regionales Medium möchte ich lesen, wenn ich regionale Infos möchte. Aber nicht in der Zeitung. Geht mit meiner Heimatregion auch schlecht, da ich mittlerweile in Hamburg wohne. Doch zurück zum Einkaufsladenbeispiel. Baekdal spricht davon, dass jeder Artikel dort kaum Wert habe, doch als Ganzes es immer einen gewissen Prozentsatz des Angebots gebe, der interessant sei. Er schlussfolgert, dass Menschen keine große Verbindung zu derartigen Supermärkten hätten. Sie seien schlichtweg nicht begeisternd. Das hingegen sind laut Baekdal Unternehmen wie Apple, Nike oder Starbucks. Deren Unterschied zu Walmart: Sie bedienen eine Nische. Offline ist es schwer, verschiedene Marken abzuklappern, darum ist ein Supermarkt meist praktischer. Online ist das alles aber nur einen Klick weit entfernt. Deshalb setzt sich da die Qualität der Nische durch. Das bessere Nischenprodukt ist genauso leicht zu erreichen wie der Supermarkt, nämlich durch Links und Social Media.

„Social Media ist Kinderkram und hat nichts mit Journalismus zu tun“

Social Media sei allerdings Kinderkram, ein neumodischer Trend den keiner brauche. Das habe nichts mit Journalismus zu tun. Das sagte mir der Chefredakteur der zweiten Zeitung. Die gedruckte Zeitung sei schließlich so richtig nah dran am Leser. Auf der Internetseite werde daher bewusst reduziert und nicht alles kostenlos online gestellt. Stattdessen werde ich bei einigen Artikeln darauf hingewiesen, dass ich „mehr“, ja „in der morgigen Ausgabe“ meiner Regionalzeitung lesen könne. Läuft denn ernsthaft jemand am nächsten Tag zum Kiosk, weil ihn jetzt gerade in diesem Moment ein Thema interessiert? In der Welt dieses Chefredakteurs schon: „Wenn das Thema gut ist und gut geschrieben, dann kaufen die Leute das. Sowas lesen sie bis zum Ende.“ Gegenfrage: „Woher wissen Sie das?“ Antwort: „Ähm ja, das glaube ich.“ Davon, dass Social Media und damit einfachere Partizipationsmöglichkeiten Journalismus zudem bereichern können, konnte ich ihn leider auch nicht überzeugen. (Wie das geht, habe ich hier beschrieben.) Stattdessen bekam ich die Frage gestellt, ob es nicht ein Armutszeugnis sei, wenn die Süddeutsche nun ihre Leser fragt, worüber sie berichten soll. Der Journalist müsse das doch schließlich wissen.

Ich will nicht sagen, dass sich gar nichts bei regionalen Zeitungsverlagen tut. Die erste Zeitung bastelt gerade an einer neuen Internetseite und möchte auch die gedruckte Zeitung inhaltlich verändern. Ich bin gespannt, wie das aussehen wird. Deren Online-Projektmanagerin berichtete mir jedoch von der Schwierigkeit, die Redaktion dafür zu begeistern. Es gebe nun einmal die altgedienten Printredakteure und die jungen Onliner. Die Herausforderungen liegen also vor allem im Change Management. Doch der Fisch stinkt vom Kopf, wie man am Beispiel der anderen Zeitung sehen kann. Ein weiteres Beispiel dafür ist die gerade in Köln neu gestartete Zeitung XTRA. Ich musste es zweimal lesen, aber ja, es startet tatsächlich noch jemand eine Tageszeitung, um „Menschen zwischen 19 und 39 Jahren“ zu erreichen. Es ist nicht schwer, herauszufinden wie diese Zielgruppe ihre Nachrichten konsumiert. Mit einer Zeitung, in der das Internet ausegdruckt ist, jedenfalls nicht. Wenn sie dann auch noch schlecht gemacht ist, erst recht nicht. Da hätte DuMont Schauberg das Geld besser zum Fenster herauswerfen können. Dann hätten es vielleicht noch Obdachlose aufgesammelt. Doch immerhin. DuMont Schauberg experimentiert wenigstens.

Scoopcamp: Amerikanischer Optimismus vs. deutscher Pessimismus

Die Offline-Denke diverser Medienmacher zeigt sich auch auf tollen Veranstaltungen wie beispielsweise dem Hamburger Scoopcamp. Dort hatten amerikanische Medienmacher gezeigt, wo die Reise hingeht. Storify-Gründer Burt Herman beschrieb, wie er mit Storify den Journalismus wieder so sexy wie Facebook machen wollte. Seine fünf Schlüsselpunkte für Medienmacher:

  1. Open Source – open sourcing journalism
  2. Social Media – telling stories by&for small communities
  3. Data – find the stories in the vast amount of data
  4. Personalization – local news, and news personalized for one individual person
  5. New Devices – responsive thinking is just an intermediate step. When & where does someone need the info?

Jigar Mehta (AJ+) und Ken Schwencke (NYTimes) gaben in ihren Vorträgen ähnliche Impulse. Doch in den Diskussionsrunden ist mir ein Unterschied aufgefallen, den ich schon während meiner Zeit in den USA ausgemacht hatte: Die Amerikaner gehen mit Experimentierfreude und Optimismus ran, in Deutschland herrschen hingegen Pessimismus und Einwände, warum etwas nicht funktionieren könne oder weshalb man es nicht brauche. Ist das ein Kulturproblem?

Wie man ein tolles Produkt machen kann

Es ist natürlich auch nicht alles schlecht. Zapp hat gerade gezeigt, dass es auch Wege gibt, eine tolle Zeitung zu machen. In Norwegen gibt es Lokalzeitungen, die dreimal wöchtentlich erscheinen und magazinig gemacht sind. Es mache mehr Sinn, drei Mal in der Woche eine richtig tolle Zeitung zu machen, als sechsmal wöchentlich eine schlechte, so ein norwegischer Chefredakteur in dem Beitrag:

 

Auch in Deutschland tut sich immerhin etwas. Die Stuttgarter Zeitung hat kürzlich die App S-Vibe gestartet, die einen personalisierbaren Nachrichtenstream bietet und keine Ressorts hat. Einziger Kritikpunkt: Sie bedient sich an den Inhalten der Homepage, die kein spezielles Storytelling für Mobilgeräte haben. Das hingegen hat Kompakt, die neue App von Axel Springer. Die App finde ich derzeit am gelungensten.

Was der Verkauf der Washington Post an Jeff Bezos bedeutet:

Eine weitere Station meines Trips nach Washington DC vor einigen Wochen war die Washington Post. Wenige Wochen zuvor war der Verkauf des Blattes an Amazon-Gründer Jeff Bezos bekannt geworden. Eine derart traditionsreiche Zeitung im Besitz eines großen Unternehmens, dass wie wenige andere sinnbildlich für Erfolg im Digitalgeschäft steht, sorgte auch in der Redaktion für Wirbel. Der neue Eigentümer sollte keine Verlegerfamilie oder ein bekanntes Medienunternehmen sein, sondern zu einem Online-Kaufhaus gehören. Kann das gut gehen?

Die Kunden zuerst, Innovtion und Geduld

Ja, sagt Greg Schneider, National Economy and Business Editor bei der Wash Post. Seiner Meinung nach blieb blieb den vorherigen Eigentümern gar nichts anderes übrig, sollte die Post erfolgreich bleiben. Sie hat wie die meisten amerikanischen Tageszeitungen mit Umsatzeinbußen zu kämpfen. Für Schneider waren die alten Inhaber schlicht nicht mehr innovativ genug: “Sie hätten weiter sparen und weiter Journalisten entlassen können, aber das hätte irgendwann das Ende bedeutet.” Stattdessen gingen sie einen neuen Weg und verkauften an Jeff Bezos. Der steht für Weltklasse. Sein neuer Weg beinhaltet laut Bezos die drei Ansätze, die auch Amazon groß gemacht hätten: Die Kunden zuerst, Innovation und Geduld.

Augmented Print Experience

Was die Kunden tatsächlich wollen, scheint bei vielen Medienunternehmen  auf der Strecke geblieben zu sein. Anders kann ich mir deren leider häufige Innovations- und Transformationsresistenz nicht erklären. Bezos will das bei der Washington Post ändern. Greg Schneider kann sich vorstellen, dass das Blatt technologisch von Amazon lernen kann. Wer ein eigenes Tablet baut, der wird auch wissen, wie dafür optimal Inhalte geschaffen werden können. “Augmented Print Experience” nennt Schneider das, was die stärkere Verknüpfung vom digitalen Angebot mit der Zeitung meint. Um wieder kostendeckend zu arbeiten, hat die Washington Post sieben Jahre Zeit.

Hyperjobs für Digital Natives

Währenddessen müssen auch die angestellten Journalisten mit Veränderungen in ihrer Tätigkeit rechnen: “Nur ein Printreporter zu sein, ist ein zurückgehendes Geschäft.” Ein Hyperjob sei das, was Journalisten zukünftig mit Social Media, Print, Audio, Video und Foto können sollten. Deshalb sei eine gute Ausbildung umso wichtiger, die Jobmöglichkeiten aber auch umso besser. Schwarzsehen tut Schneider für die Chancen junger Journalisten nicht, denn: “Sie können kein Blog mit alten Journalisten starten. Dafür brauchen Sie die Digital Natives.”

Weiterhin kritische Recherche – auch über Amazon

Auch die sollen zukünftig bei der Washington Post für großartige Recherche stehen. Den neuen Eigentümer sieht Greg Schneider dabei nicht als Hindernis: “Klar werden wir weiter kritisch über Amazon berichten! Jeff Bezos hat klar gemacht, dass er sich nicht ins Tagesgeschäft einmischt. Und glauben Sie mir, es war seit jeher nicht einfach, über Amazon zu recherchieren. Das wird sich auch nicht ändern.” Man müsse schließlich unterscheiden: “Die Washington Post gehört nun zu Jeff Bezos – aber nicht zu Amazon.” Die Redaktion werde aber künftig über die Eigentümersituation informieren, wenn sie kritisch über den Online-Versand berichtet.